Kapitel 1
Der Mann gegenüber
Bevor Nino das Haus sah, roch er es.
Kaffee, Gebäck, nasse Steine, altes Holz.
Unerwartet. Es roch nach einem Haus, in dem schon vor Ninos Ankunft etwas los gewesen war.
Der Taxifahrer hatte Tasche, Koffer und ein paar Kartons abgestellt, kassiert und war losgefahren, als wolle er nicht Zeuge dessen werden, was Menschen ohne Möbel vor fremden Haustüren taten.
Nino blieb mit dem Koffer auf dem Gehweg stehen und schaute nach oben.
Der Altbau hatte vier Etagen, und im Erdgeschoss lag das Café Treppenlicht, mit großen dunklen Holzfenstern und einer handgeschriebenen Kreidetafel neben der Tür.
Das Haus lag in Hannover-Linden, in einer Seitenstraße nahe der belebten Limmerstraße: nah genug, um das Viertel zu hören, weit genug, um so zu tun, als hätte man seine Ruhe.
Kaffee. Kuchen. Weniger schlechte Tage.
Darunter, kleiner:
Heute: Zimtschnecken, solange niemand schneller ist als Theo.
Nino las den Satz zweimal.
Hinter der Scheibe: unterschiedliche Holzstühle, ein runder Tisch am Fenster, gerahmte Drucke. Auf dem größten ein Hund mit beleidigtem Blick, mit Tusche gezeichnet, an einer Pfote verlaufen. Daneben die Haltestelle Am Küchengarten, die Nino dunkel bekannt vorkam.
Nino zog den Schlüssel aus der Tasche, während sein Mantel noch bis oben geschlossen war, obwohl der Weg vom Taxi bis zur Tür kaum zehn Schritte gewesen war und er ihn längst hätte öffnen können, aber geschlossene Knöpfe wirkten manchmal wie Ordnung.
Brille, ordentlich frisiertes hellbraunes Haar, dunkler Mantel: kontrollierter, als er sich fühlte. Zweiunddreißig, sagte er sich, war alt genug, um vor einer neuen Haustür nicht auszusehen, als müsse man ihn irgendwo abholen.
Es war eine Zwischenlösung.
Das hatte er Miriam gesagt. Zweimal sogar, weil sie beim ersten Mal nichts dazu gesagt hatte – sie brauchte wohl erst einen Moment, um sich ihre Einwände zurechtzulegen.
Ein möbliertes Zimmer, befristet, vernünftig gelegen, bezahlbar. Ein Ort für die nächsten Monate, während der Rest seines Lebens aufhörte, sich bei jeder Rechnung, jeder Gewohnheit und jedem leeren Regal nach Anna anzufühlen.
Er schloss die Haustür auf.
Das Treppenhaus war schmaler und heller, als es auf den Bildern gewirkt hatte, das dunkelgrüne Geländer an einigen Stellen abgegriffen, die rotbraunen Fliesen uneben und an den Kanten blank gelaufen.
Neben den Briefkästen hing ein kleines Schild.
Kein Standard-Hinweis aus Plastik. Eine kleine Illustration auf festem Papier, laminiert, mit schwarzen Linien und flächigen Farben: ein stilisiertes Treppenhaus, ein überforderter Paketbote, drei Klingeln und ein Pfeil mit der Aufschrift:
Bitte erst lesen, dann klingeln. Das Haus urteilt leise.
Nino blieb davor stehen.
Sorgfältig gemacht, mit kräftigen, leicht unruhigen Linien und Figuren aus wenigen Strichen, und der Paketbote darauf sah aus wie jemand, der schon zu viele „Ich bin gleich unten“-Nachrichten gehört hatte.
Nino lächelte, ehe er es bemerkte.
Aus dem Café drang gedämpftes Stimmengewirr ins Treppenhaus. Irgendwer lachte. Kurz darauf sagte eine tiefere Stimme: „Wenn du das wieder als Konzept verkaufst, kündige ich.“ Eine zweite Stimme antwortete: „Du kannst nicht kündigen, du bist emotional involviert.“
Nino hob den ersten Karton an und ging die Treppe hoch.
Im ersten Stock standen Schuhe vor einer Tür, daneben eine Pflanze, die so gleichmäßig grün war, dass Nino sie für Plastik hielt. Im zweiten Stock wurde das Licht weicher.
Die Tür zu seinem Zimmer lag rechts. Schräg gegenüber stand eine andere Tür halb offen.
Nino stellte den Karton ab, zog den Schlüssel hervor und las das kleine Schild neben seiner Tür.
Gästezimmer / Zwischenmiete
Darunter in kleinerer Schrift:
Bitte die linke Herdplatte nicht provozieren.
Er runzelte die Stirn.
„Du stehst auf der losen Fliese.“
Nino hob den Blick.
Im Türrahmen gegenüber stand ein Mann mit einer Tasse in der Hand.
Er war ungefähr in Ninos Alter, vielleicht etwas jünger – oder nur wacher. Dunkles, voluminöses Haar, das jeder Ordnung aus Prinzip trotzte, leichter Bart, ein dunkelgrünes T-Shirt unter einer offenen Strickjacke, schmale Hände, an der Kante des rechten Zeigefingers ein Streifen Tusche und an den Füßen dicke Socken. Sein Gesicht hatte diese gefährliche Mischung aus Wärme und Aufmerksamkeit, bei der man nicht gleich sagen konnte, ob man sich gesehen oder ertappt fühlen sollte.
Nino trat instinktiv einen halben Schritt zurück, und unter seinem Schuh knackte es.
Der Mann hob die Tasse. „Zu spät. Jetzt habt ihr euch kennengelernt.“
Nino sah nach unten. Die Fliese bewegte sich kaum merklich unter seinem Gewicht.
„Das stand nicht in der Anzeige“, sagte er.
Der Mann lächelte knapp.
„In der Anzeige stand auch nicht, dass das Treppenlicht im Winter nur auf Drohung reagiert und der Briefkasten von Nummer sieben passiv-aggressiv klemmt.“ Er nahm einen Schluck Kaffee. „Willkommen.“
Nino richtete sich wieder auf. „Danke.“
„Nino, oder?“
„Ja.“
„Raffaele De Luca“, sagte er. „Rafi.“
„Raffaele?“, fragte Nino.
„Nur offiziell und wenn meine Mutter enttäuscht ist.“ Rafi deutete mit der Tasse auf sich. „Rafi reicht. Gegenüber, manchmal unten, manchmal hier – meistens nicht da, wo Malik mich eingeplant hat.“
„Malik?“
„Café, Listen, sanfter Kontrollverlust mit Augenbrauen.“ Rafi zeigte nach unten. „Du wirst ihn kennenlernen. Wahrscheinlich schneller, als dir lieb ist.“
Rafi hielt den Blick ohne Anstrengung, aber auch ohne Aufdringlichkeit. Nicht wie jemand, der Menschen anstarrte. Eher wie jemand, der sie zeichnete, noch bevor er einen Stift in der Hand hatte.
„Du hast das Schild unten gemacht, das mit dem Paketboten“, sagte Nino.
Rafis Blick flackerte zum Treppenhaus, dann zurück. „Erwischt.“
Rafi lehnte sich etwas gegen den Türrahmen. „Es war entweder das oder eine Hausversammlung über Klingeldisziplin. Ich habe mich für den friedlicheren Weg entschieden.“
„Das Haus urteilt leise?“
„Tut es doch.“ Rafi sah auf die lose Fliese. „Manchmal knackt es aber auch.“
Ninos Lächeln wurde deutlicher – nicht viel, aber genug, dass er es selbst bemerkte und sofort wieder kontrollierte.
Rafis Mundwinkel zuckte.
„Du bist also der neue Zwischenmieter“, sagte er.
„Offensichtlich.“
„Nur das Nötigste?“
Nino sah zu seinem Gepäck. „Der Rest kommt später.“
„Klingt nach einem Satz, der schon mal geübt wurde.“
Nino mochte nicht, wie genau das war.
„Klingt nach einem Umzug“, sagte er.
Rafi hob beide Brauen. „Touché.“
Von unten rief jemand: „Rafi! Wenn du noch einmal den Haferdrink versteckst, nur weil er hässlich im Regal aussieht, schwöre ich –“
Rafi schloss die Augen. „Das ist Malik. Er hält Schönheit für verhandelbar. Ich arbeite dagegen.“
Eine andere Stimme aus dem Café sagte: „Rafi, wir haben Gäste.“
„Wir haben immer Gäste“, rief Rafi zurück, ohne den Blick von Nino zu lösen.
„Und manche bezahlen sogar!“
Rafi seufzte. „Kapitalismus ruft.“
„Solltest du nicht …?“ Nino deutete vage nach unten.
„Wahrscheinlich.“ Rafi stieß sich vom Türrahmen ab, blieb aber noch stehen. „Kleiner Hinweis: Wenn du gleich dein Zimmer aufschließt und denkst, es sei zu klein – das ist normal. Am zweiten Tag wirkt es nur noch halb so klein. Am dritten Tag hast du dich entweder arrangiert oder beginnst, Möbel innerlich umzubringen.“
„Beruhigend.“
„Ich bin sehr gut in realistischen Begrüßungen.“
„Das merkt man.“
Rafi lächelte wieder – heller als zuvor.
„Und falls du später irgendwas brauchst: Zucker, Kaffee, Werkzeug, WLAN-Passwort, eine Einschätzung, ob ein Geräusch hausüblich oder bedenklich ist – gegenüber.“
„Du hast eine Einschätzung für Hausgeräusche?“
„Ich wohne seit vier Jahren hier.“ Rafi sah zur Decke – einen Moment länger als nötig. „Irgendwann hört man ziemlich genau, ob es die Rohre sind, die Nachbarn oder eine spirituelle Krise.“ Er ließ den Blick oben. „Im Zweifelsfall sind es die Rohre.“
Nino nickte – eine passende Antwort fand er nicht.
„Bis später, Nino.“
Dann schloss Nino sein Zimmer auf: Es war tatsächlich kleiner, als er gehofft hatte – aber größer, als er befürchtet hatte.
Ein schmales Bett an der Wand, ein Kleiderschrank, ein Schreibtisch unter dem Fenster, zwei Regalbretter und eine Stehlampe mit schiefem Schirm. Mehr passte hier nicht hinein, ohne dass der Raum eine Meinung dazu bekam. Auf der Fensterbank kämpfte eine Pflanze mit braunen Blattspitzen, am Fußende des Bettes lag eine dunkelblaue Wolldecke, ordentlich gefaltet.
Das Fenster ging zum Innenhof.
Nino stellte den Karton ab, ließ die Tasche von der Schulter gleiten und öffnete das Fenster.
Kalte Luft kam herein. Unten im Hof standen zwei Metallstühle an einem Tisch, der einmal weiß gewesen sein musste. Eine Lichterkette hing zwischen den Balkonen und wartete auf die Dämmerung. An einer Wand lehnte ein Fahrrad mit einem Korb voller Stoffbeutel, und auf einer Fensterbank wuchsen Kräuter in alten Konservendosen.
Er hätte sagen können, dass es charmant war.
Aber charmant war ein gefährliches Wort. Es verharmloste die Tatsache, dass Orte mit Charakter meistens auch Erwartungen hatten.
Er zog die Jacke aus und begann auszupacken.
Zahnbürste, Ladekabel, zwei Hemden, Unterwäsche, Laptop, ein Buch, das er seit drei Monaten nicht weiterlas, Kulturbeutel, Schmerztabletten, Rasierer – alles fand schnell einen Platz, weil es nicht genug war, um irgendwo im Weg zu sein.
Am Ende standen zwei Kartons ungeöffnet an der Wand – darin die Dinge, die nicht praktisch waren.
Sein Handy vibrierte.
Miriam
Der Name leuchtete auf dem Display. Nino ließ es zweimal klingeln. Dann nahm er ab.
„Bist du angekommen?“, fragte seine Schwester.
Im Hintergrund Besteck, vielleicht ein Topfdeckel. Miriam klang, als wäre sie gleichzeitig in einer Küche und im Leben angekommen. An guten Tagen bewunderte Nino das. An schlechten empfand er es als persönliche Provokation.
„Ja.“
„Und?“
Er sah sich um: Bett, Schreibtisch, Pflanze, Kartons, Innenhof.
„Es ist okay.“
„Nur okay?“
„Möchtest du eine literarische Beschreibung?“
„Ich möchte wissen, wie es dir geht.“
„Dann hättest du das fragen sollen.“
„Nino“, erwiderte sie genervt.
Er setzte sich auf die Bettkante. Die Matratze gab kaum nach. „Es ist ein Zimmer in einem alten Haus. Unten ist ein Café. Gegenüber wohnt jemand, der die Hausgeräusche klassifizieren kann.“
Ein kleiner Riss im Gespräch.
„Das klingt … gut?“
„Das klingt sozial.“
„Ah“, sagte Miriam. „Für dich also potenziell bedrohlich.“
„Ich bin doch nicht asozial.“
„Nein. Du bist selektiv sozial – mit Hang zur Fluchtplanung.“
Er rieb sich mit zwei Fingern über die Augen. „Ich bin gerade erst angekommen.“
„Genau deshalb frage ich.“
Nino sah zu den Kartons. „Es ist praktisch.“
„Du sagst praktisch immer, wenn etwas emotional noch nicht überprüft wurde.“
„Du sagst solche Dinge immer, wenn du mich nerven willst.“
„Stimmt. Aber ich liege oft genug richtig.“
Er schwieg.
Miriam tat es auch. Das konnte sie gut: Schweigen, das ihm Platz ließ, ohne ihn ganz aus der Verantwortung zu entlassen.
„Hast du Anna geschrieben?“, fragte sie schließlich.
Nino schloss die Augen.
„Noch nicht.“
„Hmm.“
„Bitte mach daraus nichts.“
„Ich mache daraus gerade sehr bewusst nichts.“
„Man hört es.“
„Gut.“ Ihre Stimme wurde sanfter. „Du musst heute nicht alles lösen. Iss was, lern das Haus kennen, ohne dich von irgendeinem Altbauteil provozieren zu lassen. Und wenn es zu viel wird, rufst du an.“
„Es wird nicht zu viel.“
„Du bist seit zehn Minuten da.“
„Zwanzig.“
„Na dann.“
Er lachte, kurz und unfreiwillig.
„Ich melde mich später“, sagte er.
„Tu das wirklich.“
„Ja, bis dann.“
Nach dem Gespräch blieb er noch sitzen. Das Handy in der Hand, den Daumen auf dem dunklen Display.
Aus dem Café hallte ein Lachen nach oben. Rafi oder Malik – noch konnte Nino die Stimmen nicht auseinanderhalten, und genau dieses Noch störte ihn.
Er legte das Handy auf den Schreibtisch und stand auf; der kleine Raum fühlte sich bereits weniger fremd an, nur weil seine Sachen darin lagen – nicht vertraut, aber weniger leer, und für den ersten Tag war das vermutlich genug.
Das Bad auf dem Flur erfüllte jedes Altbau-Versprechen: Fliesen in mehreren Weiß- und Beigetönen, ein entschlossen tropfender Wasserhahn und ein Spiegel mit blinden Flecken.
Auf dem Regal standen Zahnpasta, Rasiergel, ein schwarzes Haargummi und ein Glas mit Pinseln, die nicht nach Kosmetik aussahen. Die Dinge beanspruchten eine Hälfte der Ablage – die andere war auffällig leer geblieben.
Platz für ihn, offenbar.
Nino stellte seine Zahnbürste in das zweite Glas.
Der Wasserhahn tropfte nicht gleichmäßig, sondern mit der beleidigten Ausdauer von etwas, das schon länger nicht ernst genommen wurde. An der Wand dahinter zog sich ein blasser Streifen entlang, der kein Kalk war.
An der Innenseite der Tür klebte ein weiterer kleiner Zettel, wieder gezeichnet.
Ein Duschkopf mit wütenden Augen – darunter:
Warmwasser: erst links, dann Mut.
Er betrachtete den Zettel.
Rafi.
Er prägte sich die Reihenfolge ein und ging zurück.
Vor seiner Tür blieb er stehen.
Rafi stand wieder im Flur, diesmal mit einem kleinen Emaillebecher in der Hand. Weiß, mit blauem Rand. Aus dem Becher stieg Dampf.
„Bevor du denkst, wir seien komplett unzivilisiert“, sagte er, „das Treppenhaus riecht heute nur deshalb nach Zimt, weil unten etwas sehr Erfolgreiches passiert ist.“
Ninos Blick fiel auf den Becher. „Und das ist?“
„Kaffee.“ Rafi hielt ihn ihm hin. „Oder eine Friedensgeste – je nachdem, wie du Einzugstage bewertest.“
„Ich habe keinen Krieg erklärt.“
„Nein, aber du hast sehr strukturiert ausgesehen. Das kann in diesem Haus missverstanden werden.“
Nino nahm den Becher.
Er war heißer, als er erwartet hatte.
„Danke.“
„Gern.“ Rafi lehnte sich nicht in den Türrahmen wie beim ersten Mal. Er blieb im Flur stehen, aber so, dass Nino sich nicht bedrängt fühlte. Eine kleine Sache. Dennoch bemerkte Nino sie.
„Du hast auch den Zettel im Bad gemacht“, sagte er.
„Schuldig.“
„Erst links, dann Mut?“
„Technisch völlig korrekt.“
„Das ist nicht gerade vertrauensbildend.“
„Das Bad lügt nicht gern.“
Nino trank einen Schluck Kaffee, der stark und ein wenig bitter war, aber besser als erwartet.
„Du zeichnest also beruflich?“
Rafi hielt inne. Die Frage schien ihn mehr zu interessieren als die üblichen. „Ja. Illustration, Plakate, Editorial, manchmal Verpackungen, wenn ich Geld brauche und mein Selbstbild kurz wegsieht.“
„Und die Sachen im Café?“
„Teilweise von mir, teilweise von Leuten aus dem Viertel.“ Rafi deutete nach unten. „Malik nennt es wechselnde Wandbespielung, weil er aus irgendeinem Grund glaubt, das klinge weniger nach Chaos.“
„Tut es nicht.“
„Danke.“
Von unten klapperte etwas so deutlich, dass es beinahe wie ein Kommentar klang.
Rafi verzog das Gesicht. „Das ist Malik, der nicht ruft, weil er möchte, dass ich von selbst merke, dass ich verschwunden bin.“
„Funktioniert das?“
„Leider ja.“
Nino hob den Becher. „Dann solltest du vermutlich gehen.“
„Vermutlich.“ Rafi machte einen Schritt rückwärts, blieb dann aber noch einmal stehen. „Falls du später Hunger hast: unten gibt es Quiche. Offiziell fürs Team, inoffiziell für alle, die so aussehen, als hätten sie heute vergessen zu essen.“
„Ich sehe nicht so aus.“
Rafi musterte ihn kurz.
Nicht unverschämt, aber präzise.
„Doch“, sagte Rafi. „Ein bisschen.“
Nino wusste nicht, ob er sich darüber ärgern sollte.
„Ich komme zurecht“, sagte er.
Rafi nickte. „Glaub ich.“
Die Antwort kam zu schnell, um bloß höflich zu sein.
„Ich wollte wissen, ob du was brauchst.“
Damit ging er.
Nino blieb mit dem Becher im Flur stehen.
Unter seiner Sohle bewegte sich die lose Fliese kaum merklich. Unten klapperte Geschirr, jemand lachte, draußen auf der Straße klingelte ein Fahrrad. Nino stand mit dem fremden Becher in der Hand da und hatte plötzlich mehr Eindrücke gesammelt, als ihm für eine Zwischenlösung lieb war.
Die Hände um den Emaillebecher waren noch warm. Er ging zurück in sein Zimmer und trank einen Schluck, bevor der Kaffee kalt wurde, um den Becher danach auf den Schreibtisch zu stellen.
Nicht ins Regal.
Dann sah er noch einmal aus dem Fenster in den Hof.
Die Lichterkette war inzwischen angegangen. Der nasse Stein darunter wirkte dadurch weniger kalt.
Nino hatte sich einen Übergang gesucht, eine vernünftige Lösung, einen Ort ohne Ansprüche.
Er trank noch einen Schluck Kaffee.
Über ihm knackte es kurz in der Wand, nicht laut, eher wie ein Haus, das sich räusperte, bevor es etwas Unvernünftiges tat.
Dann dachte er, mit einer Klarheit, die ihn selbst störte:
Das hier wird nicht einfach.