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Zwischen uns die halbe Miete

Ein Wasserschaden. Ein Zimmer. Ein schmales Bett. Viel zu wenig Abstand.

Sechs Kapitel. Kein Small Talk.

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Cover von Zwischen uns die halbe Miete
Cover: mit generativer KI erstellt · KI-Transparenz

Kapitel 1

Der Mann gegenüber

Bevor Nino das Haus sah, roch er es.

Kaffee, Gebäck, nasse Steine, altes Holz.

Unerwartet. Es roch nach einem Haus, in dem schon vor Ninos Ankunft etwas los gewesen war.

Der Taxifahrer hatte Tasche, Koffer und ein paar Kartons abgestellt, kassiert und war losgefahren, als wolle er nicht Zeuge dessen werden, was Menschen ohne Möbel vor fremden Haustüren taten.

Nino blieb mit dem Koffer auf dem Gehweg stehen und schaute nach oben.

Der Altbau hatte vier Etagen, und im Erdgeschoss lag das Café Treppenlicht, mit großen dunklen Holzfenstern und einer handgeschriebenen Kreidetafel neben der Tür.

Das Haus lag in Hannover-Linden, in einer Seitenstraße nahe der belebten Limmerstraße: nah genug, um das Viertel zu hören, weit genug, um so zu tun, als hätte man seine Ruhe.

Kaffee. Kuchen. Weniger schlechte Tage.

Darunter, kleiner:

Heute: Zimtschnecken, solange niemand schneller ist als Theo.

Nino las den Satz zweimal.

Hinter der Scheibe: unterschiedliche Holzstühle, ein runder Tisch am Fenster, gerahmte Drucke. Auf dem größten ein Hund mit beleidigtem Blick, mit Tusche gezeichnet, an einer Pfote verlaufen. Daneben die Haltestelle Am Küchengarten, die Nino dunkel bekannt vorkam.

Nino zog den Schlüssel aus der Tasche, während sein Mantel noch bis oben geschlossen war, obwohl der Weg vom Taxi bis zur Tür kaum zehn Schritte gewesen war und er ihn längst hätte öffnen können, aber geschlossene Knöpfe wirkten manchmal wie Ordnung.

Brille, ordentlich frisiertes hellbraunes Haar, dunkler Mantel: kontrollierter, als er sich fühlte. Zweiunddreißig, sagte er sich, war alt genug, um vor einer neuen Haustür nicht auszusehen, als müsse man ihn irgendwo abholen.

Es war eine Zwischenlösung.

Das hatte er Miriam gesagt. Zweimal sogar, weil sie beim ersten Mal nichts dazu gesagt hatte – sie brauchte wohl erst einen Moment, um sich ihre Einwände zurechtzulegen.

Ein möbliertes Zimmer, befristet, vernünftig gelegen, bezahlbar. Ein Ort für die nächsten Monate, während der Rest seines Lebens aufhörte, sich bei jeder Rechnung, jeder Gewohnheit und jedem leeren Regal nach Anna anzufühlen.

Er schloss die Haustür auf.

Das Treppenhaus war schmaler und heller, als es auf den Bildern gewirkt hatte, das dunkelgrüne Geländer an einigen Stellen abgegriffen, die rotbraunen Fliesen uneben und an den Kanten blank gelaufen.

Neben den Briefkästen hing ein kleines Schild.

Kein Standard-Hinweis aus Plastik. Eine kleine Illustration auf festem Papier, laminiert, mit schwarzen Linien und flächigen Farben: ein stilisiertes Treppenhaus, ein überforderter Paketbote, drei Klingeln und ein Pfeil mit der Aufschrift:

Bitte erst lesen, dann klingeln. Das Haus urteilt leise.

Nino blieb davor stehen.

Sorgfältig gemacht, mit kräftigen, leicht unruhigen Linien und Figuren aus wenigen Strichen, und der Paketbote darauf sah aus wie jemand, der schon zu viele „Ich bin gleich unten“-Nachrichten gehört hatte.

Nino lächelte, ehe er es bemerkte.

Aus dem Café drang gedämpftes Stimmengewirr ins Treppenhaus. Irgendwer lachte. Kurz darauf sagte eine tiefere Stimme: „Wenn du das wieder als Konzept verkaufst, kündige ich.“ Eine zweite Stimme antwortete: „Du kannst nicht kündigen, du bist emotional involviert.“

Nino hob den ersten Karton an und ging die Treppe hoch.

Im ersten Stock standen Schuhe vor einer Tür, daneben eine Pflanze, die so gleichmäßig grün war, dass Nino sie für Plastik hielt. Im zweiten Stock wurde das Licht weicher.

Die Tür zu seinem Zimmer lag rechts. Schräg gegenüber stand eine andere Tür halb offen.

Nino stellte den Karton ab, zog den Schlüssel hervor und las das kleine Schild neben seiner Tür.

Gästezimmer / Zwischenmiete

Darunter in kleinerer Schrift:

Bitte die linke Herdplatte nicht provozieren.

Er runzelte die Stirn.

„Du stehst auf der losen Fliese.“

Nino hob den Blick.

Im Türrahmen gegenüber stand ein Mann mit einer Tasse in der Hand.

Er war ungefähr in Ninos Alter, vielleicht etwas jünger – oder nur wacher. Dunkles, voluminöses Haar, das jeder Ordnung aus Prinzip trotzte, leichter Bart, ein dunkelgrünes T-Shirt unter einer offenen Strickjacke, schmale Hände, an der Kante des rechten Zeigefingers ein Streifen Tusche und an den Füßen dicke Socken. Sein Gesicht hatte diese gefährliche Mischung aus Wärme und Aufmerksamkeit, bei der man nicht gleich sagen konnte, ob man sich gesehen oder ertappt fühlen sollte.

Nino trat instinktiv einen halben Schritt zurück, und unter seinem Schuh knackte es.

Der Mann hob die Tasse. „Zu spät. Jetzt habt ihr euch kennengelernt.“

Nino sah nach unten. Die Fliese bewegte sich kaum merklich unter seinem Gewicht.

„Das stand nicht in der Anzeige“, sagte er.

Der Mann lächelte knapp.

„In der Anzeige stand auch nicht, dass das Treppenlicht im Winter nur auf Drohung reagiert und der Briefkasten von Nummer sieben passiv-aggressiv klemmt.“ Er nahm einen Schluck Kaffee. „Willkommen.“

Nino richtete sich wieder auf. „Danke.“

„Nino, oder?“

„Ja.“

„Raffaele De Luca“, sagte er. „Rafi.“

„Raffaele?“, fragte Nino.

„Nur offiziell und wenn meine Mutter enttäuscht ist.“ Rafi deutete mit der Tasse auf sich. „Rafi reicht. Gegenüber, manchmal unten, manchmal hier – meistens nicht da, wo Malik mich eingeplant hat.“

„Malik?“

„Café, Listen, sanfter Kontrollverlust mit Augenbrauen.“ Rafi zeigte nach unten. „Du wirst ihn kennenlernen. Wahrscheinlich schneller, als dir lieb ist.“

Rafi hielt den Blick ohne Anstrengung, aber auch ohne Aufdringlichkeit. Nicht wie jemand, der Menschen anstarrte. Eher wie jemand, der sie zeichnete, noch bevor er einen Stift in der Hand hatte.

„Du hast das Schild unten gemacht, das mit dem Paketboten“, sagte Nino.

Rafis Blick flackerte zum Treppenhaus, dann zurück. „Erwischt.“

Rafi lehnte sich etwas gegen den Türrahmen. „Es war entweder das oder eine Hausversammlung über Klingeldisziplin. Ich habe mich für den friedlicheren Weg entschieden.“

„Das Haus urteilt leise?“

„Tut es doch.“ Rafi sah auf die lose Fliese. „Manchmal knackt es aber auch.“

Ninos Lächeln wurde deutlicher – nicht viel, aber genug, dass er es selbst bemerkte und sofort wieder kontrollierte.

Rafis Mundwinkel zuckte.

„Du bist also der neue Zwischenmieter“, sagte er.

„Offensichtlich.“

„Nur das Nötigste?“

Nino sah zu seinem Gepäck. „Der Rest kommt später.“

„Klingt nach einem Satz, der schon mal geübt wurde.“

Nino mochte nicht, wie genau das war.

„Klingt nach einem Umzug“, sagte er.

Rafi hob beide Brauen. „Touché.“

Von unten rief jemand: „Rafi! Wenn du noch einmal den Haferdrink versteckst, nur weil er hässlich im Regal aussieht, schwöre ich –“

Rafi schloss die Augen. „Das ist Malik. Er hält Schönheit für verhandelbar. Ich arbeite dagegen.“

Eine andere Stimme aus dem Café sagte: „Rafi, wir haben Gäste.“

„Wir haben immer Gäste“, rief Rafi zurück, ohne den Blick von Nino zu lösen.

„Und manche bezahlen sogar!“

Rafi seufzte. „Kapitalismus ruft.“

„Solltest du nicht …?“ Nino deutete vage nach unten.

„Wahrscheinlich.“ Rafi stieß sich vom Türrahmen ab, blieb aber noch stehen. „Kleiner Hinweis: Wenn du gleich dein Zimmer aufschließt und denkst, es sei zu klein – das ist normal. Am zweiten Tag wirkt es nur noch halb so klein. Am dritten Tag hast du dich entweder arrangiert oder beginnst, Möbel innerlich umzubringen.“

„Beruhigend.“

„Ich bin sehr gut in realistischen Begrüßungen.“

„Das merkt man.“

Rafi lächelte wieder – heller als zuvor.

„Und falls du später irgendwas brauchst: Zucker, Kaffee, Werkzeug, WLAN-Passwort, eine Einschätzung, ob ein Geräusch hausüblich oder bedenklich ist – gegenüber.“

„Du hast eine Einschätzung für Hausgeräusche?“

„Ich wohne seit vier Jahren hier.“ Rafi sah zur Decke – einen Moment länger als nötig. „Irgendwann hört man ziemlich genau, ob es die Rohre sind, die Nachbarn oder eine spirituelle Krise.“ Er ließ den Blick oben. „Im Zweifelsfall sind es die Rohre.“

Nino nickte – eine passende Antwort fand er nicht.

„Bis später, Nino.“

Dann schloss Nino sein Zimmer auf: Es war tatsächlich kleiner, als er gehofft hatte – aber größer, als er befürchtet hatte.

Ein schmales Bett an der Wand, ein Kleiderschrank, ein Schreibtisch unter dem Fenster, zwei Regalbretter und eine Stehlampe mit schiefem Schirm. Mehr passte hier nicht hinein, ohne dass der Raum eine Meinung dazu bekam. Auf der Fensterbank kämpfte eine Pflanze mit braunen Blattspitzen, am Fußende des Bettes lag eine dunkelblaue Wolldecke, ordentlich gefaltet.

Das Fenster ging zum Innenhof.

Nino stellte den Karton ab, ließ die Tasche von der Schulter gleiten und öffnete das Fenster.

Kalte Luft kam herein. Unten im Hof standen zwei Metallstühle an einem Tisch, der einmal weiß gewesen sein musste. Eine Lichterkette hing zwischen den Balkonen und wartete auf die Dämmerung. An einer Wand lehnte ein Fahrrad mit einem Korb voller Stoffbeutel, und auf einer Fensterbank wuchsen Kräuter in alten Konservendosen.

Er hätte sagen können, dass es charmant war.

Aber charmant war ein gefährliches Wort. Es verharmloste die Tatsache, dass Orte mit Charakter meistens auch Erwartungen hatten.

Er zog die Jacke aus und begann auszupacken.

Zahnbürste, Ladekabel, zwei Hemden, Unterwäsche, Laptop, ein Buch, das er seit drei Monaten nicht weiterlas, Kulturbeutel, Schmerztabletten, Rasierer – alles fand schnell einen Platz, weil es nicht genug war, um irgendwo im Weg zu sein.

Am Ende standen zwei Kartons ungeöffnet an der Wand – darin die Dinge, die nicht praktisch waren.

Sein Handy vibrierte.

Miriam

Der Name leuchtete auf dem Display. Nino ließ es zweimal klingeln. Dann nahm er ab.

„Bist du angekommen?“, fragte seine Schwester.

Im Hintergrund Besteck, vielleicht ein Topfdeckel. Miriam klang, als wäre sie gleichzeitig in einer Küche und im Leben angekommen. An guten Tagen bewunderte Nino das. An schlechten empfand er es als persönliche Provokation.

„Ja.“

„Und?“

Er sah sich um: Bett, Schreibtisch, Pflanze, Kartons, Innenhof.

„Es ist okay.“

„Nur okay?“

„Möchtest du eine literarische Beschreibung?“

„Ich möchte wissen, wie es dir geht.“

„Dann hättest du das fragen sollen.“

„Nino“, erwiderte sie genervt.

Er setzte sich auf die Bettkante. Die Matratze gab kaum nach. „Es ist ein Zimmer in einem alten Haus. Unten ist ein Café. Gegenüber wohnt jemand, der die Hausgeräusche klassifizieren kann.“

Ein kleiner Riss im Gespräch.

„Das klingt … gut?“

„Das klingt sozial.“

„Ah“, sagte Miriam. „Für dich also potenziell bedrohlich.“

„Ich bin doch nicht asozial.“

„Nein. Du bist selektiv sozial – mit Hang zur Fluchtplanung.“

Er rieb sich mit zwei Fingern über die Augen. „Ich bin gerade erst angekommen.“

„Genau deshalb frage ich.“

Nino sah zu den Kartons. „Es ist praktisch.“

„Du sagst praktisch immer, wenn etwas emotional noch nicht überprüft wurde.“

„Du sagst solche Dinge immer, wenn du mich nerven willst.“

„Stimmt. Aber ich liege oft genug richtig.“

Er schwieg.

Miriam tat es auch. Das konnte sie gut: Schweigen, das ihm Platz ließ, ohne ihn ganz aus der Verantwortung zu entlassen.

„Hast du Anna geschrieben?“, fragte sie schließlich.

Nino schloss die Augen.

„Noch nicht.“

„Hmm.“

„Bitte mach daraus nichts.“

„Ich mache daraus gerade sehr bewusst nichts.“

„Man hört es.“

„Gut.“ Ihre Stimme wurde sanfter. „Du musst heute nicht alles lösen. Iss was, lern das Haus kennen, ohne dich von irgendeinem Altbauteil provozieren zu lassen. Und wenn es zu viel wird, rufst du an.“

„Es wird nicht zu viel.“

„Du bist seit zehn Minuten da.“

„Zwanzig.“

„Na dann.“

Er lachte, kurz und unfreiwillig.

„Ich melde mich später“, sagte er.

„Tu das wirklich.“

„Ja, bis dann.“

Nach dem Gespräch blieb er noch sitzen. Das Handy in der Hand, den Daumen auf dem dunklen Display.

Aus dem Café hallte ein Lachen nach oben. Rafi oder Malik – noch konnte Nino die Stimmen nicht auseinanderhalten, und genau dieses Noch störte ihn.

Er legte das Handy auf den Schreibtisch und stand auf; der kleine Raum fühlte sich bereits weniger fremd an, nur weil seine Sachen darin lagen – nicht vertraut, aber weniger leer, und für den ersten Tag war das vermutlich genug.

Das Bad auf dem Flur erfüllte jedes Altbau-Versprechen: Fliesen in mehreren Weiß- und Beigetönen, ein entschlossen tropfender Wasserhahn und ein Spiegel mit blinden Flecken.

Auf dem Regal standen Zahnpasta, Rasiergel, ein schwarzes Haargummi und ein Glas mit Pinseln, die nicht nach Kosmetik aussahen. Die Dinge beanspruchten eine Hälfte der Ablage – die andere war auffällig leer geblieben.

Platz für ihn, offenbar.

Nino stellte seine Zahnbürste in das zweite Glas.

Der Wasserhahn tropfte nicht gleichmäßig, sondern mit der beleidigten Ausdauer von etwas, das schon länger nicht ernst genommen wurde. An der Wand dahinter zog sich ein blasser Streifen entlang, der kein Kalk war.

An der Innenseite der Tür klebte ein weiterer kleiner Zettel, wieder gezeichnet.

Ein Duschkopf mit wütenden Augen – darunter:

Warmwasser: erst links, dann Mut.

Er betrachtete den Zettel.

Rafi.

Er prägte sich die Reihenfolge ein und ging zurück.

Vor seiner Tür blieb er stehen.

Rafi stand wieder im Flur, diesmal mit einem kleinen Emaillebecher in der Hand. Weiß, mit blauem Rand. Aus dem Becher stieg Dampf.

„Bevor du denkst, wir seien komplett unzivilisiert“, sagte er, „das Treppenhaus riecht heute nur deshalb nach Zimt, weil unten etwas sehr Erfolgreiches passiert ist.“

Ninos Blick fiel auf den Becher. „Und das ist?“

„Kaffee.“ Rafi hielt ihn ihm hin. „Oder eine Friedensgeste – je nachdem, wie du Einzugstage bewertest.“

„Ich habe keinen Krieg erklärt.“

„Nein, aber du hast sehr strukturiert ausgesehen. Das kann in diesem Haus missverstanden werden.“

Nino nahm den Becher.

Er war heißer, als er erwartet hatte.

„Danke.“

„Gern.“ Rafi lehnte sich nicht in den Türrahmen wie beim ersten Mal. Er blieb im Flur stehen, aber so, dass Nino sich nicht bedrängt fühlte. Eine kleine Sache. Dennoch bemerkte Nino sie.

„Du hast auch den Zettel im Bad gemacht“, sagte er.

„Schuldig.“

„Erst links, dann Mut?“

„Technisch völlig korrekt.“

„Das ist nicht gerade vertrauensbildend.“

„Das Bad lügt nicht gern.“

Nino trank einen Schluck Kaffee, der stark und ein wenig bitter war, aber besser als erwartet.

„Du zeichnest also beruflich?“

Rafi hielt inne. Die Frage schien ihn mehr zu interessieren als die üblichen. „Ja. Illustration, Plakate, Editorial, manchmal Verpackungen, wenn ich Geld brauche und mein Selbstbild kurz wegsieht.“

„Und die Sachen im Café?“

„Teilweise von mir, teilweise von Leuten aus dem Viertel.“ Rafi deutete nach unten. „Malik nennt es wechselnde Wandbespielung, weil er aus irgendeinem Grund glaubt, das klinge weniger nach Chaos.“

„Tut es nicht.“

„Danke.“

Von unten klapperte etwas so deutlich, dass es beinahe wie ein Kommentar klang.

Rafi verzog das Gesicht. „Das ist Malik, der nicht ruft, weil er möchte, dass ich von selbst merke, dass ich verschwunden bin.“

„Funktioniert das?“

„Leider ja.“

Nino hob den Becher. „Dann solltest du vermutlich gehen.“

„Vermutlich.“ Rafi machte einen Schritt rückwärts, blieb dann aber noch einmal stehen. „Falls du später Hunger hast: unten gibt es Quiche. Offiziell fürs Team, inoffiziell für alle, die so aussehen, als hätten sie heute vergessen zu essen.“

„Ich sehe nicht so aus.“

Rafi musterte ihn kurz.

Nicht unverschämt, aber präzise.

„Doch“, sagte Rafi. „Ein bisschen.“

Nino wusste nicht, ob er sich darüber ärgern sollte.

„Ich komme zurecht“, sagte er.

Rafi nickte. „Glaub ich.“

Die Antwort kam zu schnell, um bloß höflich zu sein.

„Ich wollte wissen, ob du was brauchst.“

Damit ging er.

Nino blieb mit dem Becher im Flur stehen.

Unter seiner Sohle bewegte sich die lose Fliese kaum merklich. Unten klapperte Geschirr, jemand lachte, draußen auf der Straße klingelte ein Fahrrad. Nino stand mit dem fremden Becher in der Hand da und hatte plötzlich mehr Eindrücke gesammelt, als ihm für eine Zwischenlösung lieb war.

Die Hände um den Emaillebecher waren noch warm. Er ging zurück in sein Zimmer und trank einen Schluck, bevor der Kaffee kalt wurde, um den Becher danach auf den Schreibtisch zu stellen.

Nicht ins Regal.

Dann sah er noch einmal aus dem Fenster in den Hof.

Die Lichterkette war inzwischen angegangen. Der nasse Stein darunter wirkte dadurch weniger kalt.

Nino hatte sich einen Übergang gesucht, eine vernünftige Lösung, einen Ort ohne Ansprüche.

Er trank noch einen Schluck Kaffee.

Über ihm knackte es kurz in der Wand, nicht laut, eher wie ein Haus, das sich räusperte, bevor es etwas Unvernünftiges tat.

Dann dachte er, mit einer Klarheit, die ihn selbst störte:

Das hier wird nicht einfach.

Kapitel 2

Kaffee ist keine Nachbarschaft

Rafi hatte Nino vorhin nur ein paar Minuten im Flur gesehen.

Es reichte nicht, um jemanden zu kennen. Für eine erste Skizze schon: wie jemand stand, was er zuerst ansah, ob er die Tür hinter sich schnell schloss oder noch im Treppenhaus blieb.

Niemand war in einem Flur besonders gut inszeniert.

Nino hatte mit Koffer und Karton dagestanden, schlank, die Schultern zu gerade, die Brille einen Hauch zu ordentlich im Gesicht, den Blick schon überall. Nicht verloren – eher wie jemand, der sich gerade verbot, verloren auszusehen.

Ein grober Eindruck, trotzdem blieb er.

Nino Becker.

Der Name stand auf dem Zettel, den Oskar vor zwei Wochen geschickt hatte. Möbliertes Zimmer, befristet, ruhiger Mieter, berufstätig, zuverlässig. Worte aus einem Mietformular. Nichts davon sagte, wie vorsichtig jemand einen Kaffeebecher annahm.

Rafi stand unten im Café hinter der Theke und spülte den Milchaufschäumer aus. Der war längst sauber.

Das Café war inzwischen geschlossen. Die Stühle standen auf den Tischen, das Licht war gedimmt, draußen spiegelte sich die Lichterkette in der Scheibe. Von der Limmerstraße kamen nur noch gedämpfte Geräusche.

Malik saß am kleinen Tisch neben der Vitrine und schrieb in sein Notizbuch.

Rafi musste dafür nicht hinsehen – es war kein Tagebuch. Malik schrieb keine Gefühle auf, er schrieb Listen: Bestellungen, Dienstpläne, kaputte Dinge, die bereits beleidigend genug waren, um auf einer Liste zu landen.

„Du spülst das Ding gerade zum dritten Mal“, sagte Malik, ohne aufzusehen.

Rafi stellte den Aufschäumer ab. „Ich bin gründlich.“

„Du bist abgelenkt.“

„Ich bin multidimensional.“

„Du bist interessiert.“

Rafi drehte sich langsam zu ihm um. „An Hygiene? Ja.“

Malik hob den Blick, mit diesem Ausdruck, den Rafi hasste: ruhig, warm und viel zu wenig beeindruckt von Ausweichmanövern.

„Am neuen Zwischenmieter.“

„Er heißt Nino.“

„Ach.“

„Was, ach?“

Malik legte den Stift ab. „Ich finde es interessant, dass du dir den Namen gemerkt hast.“

Rafi nahm ein Geschirrtuch und begann, eine Tasse abzutrocknen. „Er stand auf Oskars Mietzettel.“

„Auf dem auch Frau Hoffmann aus dem dritten Stock stand, und du nennst sie seit zwei Jahren konsequent die Orchideen-Frau.“

„Sie hat sechs Orchideen.“

„Und trotzdem einen Namen.“

„Ich arbeite kontextsensibel.“

Malik lehnte sich zurück. Selbst in einem ausgeleierten Pullover hatte er etwas von einem hinterlegten Plan: dunkelblonde Haare, akkurat gestutzter Bart, wache Augen, meistens zwei Schritte weiter als das Gespräch. Rafi hatte ihn einmal gefragt, ob er nachts auch in Listen träume. Malik hatte geantwortet: „Nur wenn ich entspannen will.“

„Also“, sagte Malik. „Nino.“

„Er ist neu.“

„Das ist gewagt beobachtet.“

„Er ist müde.“

„Auch das.“

Rafi stellte die Tasse weg. „Und er sieht aus, als würde er jeden Satz erst innerlich korrekt abheften, bevor er ihn sagt.“

„Dein Typ also.“

Rafi warf ihm das Geschirrtuch an den Kopf.

Malik fing es nicht, ließ es aber mit bemerkenswerter Würde an seiner Schulter abgleiten. „Danke, sehr erwachsen.“

„Er ist nicht mein Typ.“

„Natürlich nicht.“

„Ich kenne ihn seit einer Stunde.“

„Das hat dich historisch betrachtet nicht immer abgehalten.“

„Das klingt beleidigend.“

„Es ist dokumentarisch.“

Rafi stützte beide Hände auf die Theke. „Ich habe ihm Kaffee gebracht, das ist Nachbarschaft.“

„Du hast ihm den guten Kaffee gebracht.“

„Wir haben nur guten Kaffee.“

Malik blickte zu ihm, lange genug, dass es selbst als Widerspruch zählte.

„Okay“, sagte Rafi. „Den besseren.“

Malik blickte weiter zu ihm.

„Du warst eine halbe Stunde oben – für einen Kaffee.“

„Es gab relevante Erstinformationen.“

„Sieben Sätze mindestens.“

„Vier.“

„Also sieben.“

„Es war Überlebenshilfe.“

„Es war eine Verteidigungsrede.“

Malik lächelte so minimal, dass es fast unfair war. „Du kannst es drehen, wie du willst – du bist neugierig.“

Rafi antwortete nicht gleich.

Das Problem: Malik hatte recht.

Das größere Problem: Malik hatte oft recht, und sein moralischer Umgang damit war unerträglich.

Rafi griff nach dem Tablett mit den letzten Tassen und brachte es in die kleine Küche hinter der Theke. Die Küche war eng, warm und funktionierte nur, wenn zwei Menschen bereit waren, sich gegenseitig nicht zu hassen. Über dem alten Metallregal hing eine Zeichnung von Rafi: Theo mit Schürze, dramatisch über einer explodierenden Kaffeemaschine, darunter:

Krisenkompetenz seit Dienstag.

Theo hatte behauptet, die Nase sei falsch. Rafi hatte geantwortet, das sei keine Nase, sondern eine Charakterstudie.

Er stellte die Tassen ab und sah durch das Fenster in den Hof.

Oben brannte Licht in Ninos Zimmer.

Nur ein schmales Rechteck hinter der Scheibe, in dem sich nichts bewegte und das nichts verriet.

Trotzdem blieb Rafi stehen.

„Rafi.“

„Hm?“

Malik stand ohne Notizbuch in der Küchentür, was meistens bedeutete, dass der Organisationsmodus aus und der Menschenmodus an war, und leider war er in beiden recht gut.

„Sei vorsichtig.“

Rafi drehte sich halb um. „Weil er neu ist?“

„Weil du schnell bist.“

„Ich bin nicht schnell.“

Malik hob eine Braue.

Rafi verschränkte die Arme. „Ich bringe Menschen Kaffee. Daraus muss man kein psychologisches Risikoprofil bauen.“

„Doch“, sagte Malik. „Bei dir schon.“

Rafi sah wieder zum Fenster. „Er wirkt nicht gerade wie jemand, der leicht ist.“

„Das ist nicht deine Aufgabe.“

„Ich habe auch nicht gesagt, dass es meine Aufgabe ist.“

„Noch nicht.“

Sie kannten sich zu gut für bequeme Lügen.

Rafi drehte sich ganz zu ihm. „Was willst du mir sagen?“

Malik schob die Hände in die Taschen seiner Jeans. „Dass jemand, der aussieht, als hätte er gerade ein Leben hinter sich gelassen, nicht automatisch ein Projekt ist.“

„Ich mache keine Menschen zu Projekten.“

„Nein.“ Malik zögerte. „Du machst sie zu Räumen, in denen du dich beweisen kannst.“

Rafi starrte ihn an.

„Autsch“, sagte Rafi.

Malik sah sofort ein wenig bedauernd aus, nahm es aber nicht zurück. „Sorry.“

„Ein bisschen vielleicht.“

„Ja.“

Malik trat einen Schritt näher. „Ich meine nur: Du musst nicht jedem sofort zeigen, dass er bleiben darf.“

Rafi sah wieder zum Hof.

Oben brannte immer noch Licht.

„Vielleicht muss mir das mal jemand zeigen“, sagte er.

Malik antwortete nicht.

Das tat er selten, wenn eine Wahrheit nicht gleich eine Lösung brauchte.

Eine Weile standen sie schweigend in der Küche. Unten im Café knackte das Holz, irgendwo sprang der Kühlschrank an, draußen rollte ein Fahrrad über das nasse Pflaster im Hof. Selbst nachts blieb hier immer ein Rest Geräusch.

„Oskar hat übrigens geschrieben“, sagte Malik schließlich.

Rafis Schultern spannten sich an, bevor er es verhindern konnte.

Malik bemerkte es – natürlich.

„Was will er?“

„Noch nichts Konkretes.“

„Das ist bei Oskar nie beruhigend.“

„Er will nächste Woche vorbeikommen – wegen der Instandhaltungsliste.“

Rafi lachte. „Instandhaltungsliste. Klingt, als hätte das Haus eine Zahnreinigung nötig.“

„Die Liste ist lang.“

„Das Haus ist alt.“

„Das auch.“ Malik sah auf seine Notizen. „Und Kröger hat wegen der Leitungen wieder so ein Gesicht gemacht.“

„Kröger hat nur Gesichter, wenn etwas entweder teuer oder anstrengend wird.“

„Eben.“

Rafi hob eine Hand. „Ich verweigere die emotionale Annahme dieser Information.“

Rafi ging zurück zur Theke, weil Bewegung besser war, als stillzustehen und an Oskar zu denken – Oskar Winter, Eigentümer, Erbe, Zahlenmensch mit glatter Stimme.

„Er wird wieder über Tragfähigkeit reden“, sagte Rafi.

Malik folgte ihm. „Wahrscheinlich.“

„Und du wirst vernünftig nicken.“

„Wahrscheinlich.“

„Und ich werde so tun, als hätte ich keine Bindungsprobleme mit Mauerwerk.“

„Sehr wahrscheinlich.“

„Du könntest widersprechen.“

„Ich könnte lügen.“

Rafi schnaubte.

Malik nahm das Notizbuch wieder auf. „Es ist dennoch nicht nur Geld.“

„Bei Oskar? Doch.“

„Nein.“

Rafi sah auf.

Malik zögerte, was selten vorkam, weil er normalerweise genau wusste, welche Informationen er wann preisgab. Wenn Malik zögerte, gehörte eine Wahrheit meistens jemand anderem oder konnte später Ärger machen.

„Was?“, fragte Rafi.

Malik sah kurz zur Wand hinter der Theke, dorthin, wo das Foto von Frau Elling hing.

Dann schüttelte er den Kopf.

„Nicht heute.“

„Das ist eine sehr schlechte Art, etwas nicht zu sagen.“

„Ja.“

Rafi mochte das nicht.

Er mochte Häuser nicht, deren Geschichten andere Menschen vor ihm kannten. Fremde mit Zahlen waren leichter zu hassen als Menschen mit Pausen.

„Großartig“, murmelte er. „Noch mehr Dinge, die komplizierter waren als nötig.“

Malik lächelte müde. „Willkommen im Leben.“

Später, oben in seinem Zimmer, war Rafis Zuhause offiziell klein und inoffiziell eine laufende Materialsammlung. Auf dem Tisch lagen Skizzenblöcke, Pinsel, drei Stifte ohne Deckel, eine halb volle Kaffeetasse und die Entwürfe für das Kulturzentrum Faust-Gelände.

Nicht nur für ein einzelnes Veranstaltungsplakat.

Wenn diese Runde funktionierte, würde daraus eine Serie werden. Drei Motive für drei Abende, ein gemeinsamer visueller Rahmen und genug Honorar, dass Rafi für eine Weile keine Verpackung gestalten musste, deren größte kreative Entscheidung darin bestand, ob Haferkekse beige oder etwas anderes Beige waren.

Auf seinem Laptop wartete die letzte Mail.

Anfrage Plakatserie – zweite Konzeptfassung

Rafi hatte sie oft genug gelesen, um einzelne Formulierungen auswendig zu kennen.

Die erste Richtung sei interessant, eigenständig, atmosphärisch.

Aber vielleicht könne die nächste Fassung etwas zugänglicher sein.

Heller, eindeutiger, weniger ambivalent.

Rafi hatte hinter jedes Wort innerlich ein Fragezeichen gesetzt.

Auf dem Tisch lagen zwei Fassungen.

Die erste zeigte einen rot grundierten Kreis, darüber eine Figur aus wenigen schwarzen Linien, die gleichzeitig tanzte und fiel. Daneben kleinere Studien: Hände, die nach Mikrofonen griffen, ein Gesicht im Profil, der Umriss einer Bühne, die eher wie ein Mond aussah.

Die zweite Fassung war heller.

Zwei Figuren in klarer Bewegung, freundliche Farben, keine gestürzten Figuren, und niemand musste länger als eine Sekunde hinsehen, um zu verstehen, dass Kultur grundsätzlich eine erfreuliche Angelegenheit war.

Sie war gut. Gut genug, um genommen zu werden, glatt genug, um nichts von ihm zu verlangen.

Rafi schob die helle Fassung unter den Skizzenblock.

Die andere ließ er liegen.

Bis Ende der Woche musste er sich entscheiden, welche Version er schickte.

Bis dahin konnte er so tun, als gehe es nur um Farben.

An der Wand klebten Postkarten und Probedrucke. Eine Serie von Café-Gästen, die nie wussten, dass sie Modelle gewesen waren. Theo, als dunkler Strich mit spitzen Schultern und einer Tasse wie einem Schutzschild. Malik, nur von hinten, am Tisch, über ein Notizbuch gebeugt, so konzentriert, dass die Linie fast zärtlich wurde. Hannelore mit Hut, königlich und gefährlich.

Rafi zog die Strickjacke aus und warf sie über den Stuhl.

Dann sah er auf den Skizzenblock, der offen auf dem Tisch lag.

Da war eine neue Linie.

Nicht bewusst gesetzt – oder doch.

Er trat näher.

Die Skizze zeigte keinen fertigen Menschen, nur eine Haltung: Schultern zu gerade, Kopf leicht gesenkt, eine Hand am Griff eines Koffers, der ganze Körper im Übergang zwischen Gehen und Bleiben. Ein Gesicht gab es kaum, nur die Andeutung eines Profils, einer Nase, eines Mundes, der nicht wusste, ob er höflich oder müde sein wollte.

Nino.

Natürlich Nino.

Rafi starrte auf die Zeichnung. Sein Nacken wurde warm, obwohl niemand da war.

„Das ist lächerlich“, sagte er in den Raum.

Der Raum, der mit schlimmeren Dingen als lächerlichen Skizzen vertraut war, antwortete nicht.

Er setzte sich, nahm den Bleistift und wollte weiterzeichnen. Stattdessen blieb seine Hand über dem Papier hängen.

Rafi legte den Bleistift wieder hin.

Menschen interessierten ihn oft, das war nichts Neues, und er hatte seit Jahren Gesichter gesammelt wie andere Leute Pfandbons in Jackentaschen – aus Beruf, aus Gewohnheit, vielleicht auch aus Überleben, denn wer Menschen genau ansah, wurde seltener von ihnen überrascht.

Nur stimmte das nicht.

Er wurde ständig überrascht: von Malik, der aus Listen Fürsorge machte, von Theo, der unter seiner ganzen scharfen Ablehnung viel zu oft recht hatte, von Oskar, der vielleicht doch mehr mit dem Haus zu tun hatte, als Rafi wollte.

Und jetzt von Nino Becker, der Kaffee annahm, als müsse er erst prüfen, ob Wärme irgendeine Gegenleistung verlangte.

Rafi klappte den Skizzenblock zu.

Er sollte schlafen.

Stattdessen räumte er eine Weile auf, oder tat wenigstens so. Er legte Stifte in eine Dose, fand einen Radiergummi unter einem Buch und stellte eine Pflanze ans Fenster, die sich davon vermutlich auch nicht mehr retten ließ. Dann ging er ins Bad auf dem Flur, putzte sich die Zähne und blieb vor dem Spiegel stehen. Eine neue Zahnbürste stand im zweiten Glas auf der Ablage.

Er sah müde aus – nicht erschöpft, nur spät.

Seine Haare standen an einer Seite ab, und unter seinem Auge war ein winziger Graphitstrich, den er nicht bemerkt hatte. Er wischte ihn mit dem Daumen weg.

„Du bist neugierig“, sagte er zu seinem Spiegelbild.

Es sah nicht widerspruchsbereit aus.

Er löschte das Licht und ging zurück in sein Zimmer.

Das Fenster stand einen Spalt offen. Von draußen kam kalte Luft herein, zusammen mit den Resten des Viertels: ein Fahrrad, das über Kopfsteinpflaster rollte, eine ferne Stimme, ein Hund, der einmal bellte und es dann offenbar selbst uninteressant fand.

Rafi legte sich ins Bett.

Über ihm war die Decke dunkel. Neben dem Fenster zeichnete die Straßenlaterne einen schmalen Streifen an die Wand. In der oberen Ecke, dicht an der Außenwand, war der Putz eine Spur dunkler als sonst.

Rafi sah zwei Sekunden lang hin.

Zwei Sekunden waren genug, um einen Altbau nicht persönlich zu nehmen.

Das Haus knackte einmal tief in den Wänden.

Normal, hausüblich, keine spirituelle Krise – und ganz sicher kein Grund, noch einmal aufzustehen.

Er schloss die Augen.

Und dachte trotzdem weder an Oskar noch an die Instandhaltungsliste noch an Malik und seine unverschämt präzisen Sätze.

Sondern an Nino.

An die Art, wie er unten wohl das Schild angesehen hatte, nicht flüchtig, sondern so genau, als hätte er verstanden, dass selbst ein kleiner gezeichneter Paketbote etwas darüber verriet, wer in einem Haus lebte.

An seine Hand um den Emaillebecher.

An dieses fast nicht vorhandene Lächeln.

Rafi drehte sich auf die Seite und zog die Decke höher.

„Nur neugierig“, murmelte er.

Etwas Kaltes traf den Rand seines Kissens.

Rafi öffnete die Augen.

Für einen Moment blieb er liegen. Dann setzte er sich auf und strich mit zwei Fingern über den Stoff.

Feucht.

Er sah zur Decke.

Der dunklere Fleck in der oberen Ecke war nicht größer geworden – vermutlich. Im Licht der Straßenlaterne ließ sich das nicht zuverlässig beurteilen.

Rafi stand auf, nahm die Keramikschale vom Schreibtisch und kippte die drei Bleistifte auf den Skizzenblock. Er stellte die Schale unter die feuchte Stelle.

Dann wartete er – eine Minute, dann zwei.

Kein weiterer Tropfen.

Altbau, dachte Rafi.

Restfeuchtigkeit, Kondenswasser, eine einzelne und vollkommen unbedeutende Warnung des Universums.

Er legte ein Handtuch über die feuchte Stelle am Kissen und kroch wieder ins Bett.

Malik würde er morgen davon erzählen.

Vermutlich.

Über ihm knackte es erneut in der Wand – nicht wie ein Urteil, eher wie eine Frist.

Kapitel 3

Das Haus zieht Menschen hinein

Nino hatte den Fehler gemacht, zu glauben, ein Arbeitstag würde helfen.

Normalerweise half er.

Arbeit hatte Regeln, nicht immer gute und nicht immer faire, aber immerhin erkennbare: Zahlen standen in Zellen, Abweichungen ließen sich berechnen, und Fehler wurden nicht angenehmer, wenn man sie sauber benannte, aber kleiner, greifbarer und weniger geeignet, nachts in einem Zimmer herumzustehen und vorzugeben, etwas anderes zu sein.

Menschen waren schwieriger. Häuser offenbar auch.

Er saß an seinem Schreibtisch im Büro, seit einer halben Stunde vor derselben Budgettabelle. Der Wert in Spalte G verschwamm trotzdem. Über dem Monitor hing die Leuchtstofflampe mit der Art von Licht, die jeden Raum sofort in eine Entscheidung gegen Lebensfreude verwandelte. Neben ihm telefonierte ein Kollege angeregt. Irgendwo klickte eine Tastatur in dem schnellen Rhythmus von Menschen, die entweder sehr produktiv oder sehr genervt waren.

Nino war beides nicht. Er war anwesend – und das war nicht dasselbe.

Auf seinem Bildschirm stand eine Abweichung von 18,7 Prozent im Bereich externe Dienstleistungen. Der Projektleiter hatte am Vormittag gesagt, man müsse „die Kostensituation ganzheitlich betrachten“. Was bedeutete: Niemand wollte sagen, wer die Zusatzbeauftragung freigegeben hatte.

Nino hatte fünf Minuten lang zugehört, wie vier erwachsene Menschen das Wort Transparenz benutzten und jede konkrete Verantwortung sorgfältig umrundeten.

Er hasste das.

Nino hasste Unschärfe, die sich als Diplomatie verkleidete.

„Wir müssen das sauber kommunizieren“, hatte jemand gesagt.

Nino hatte in sein Notizbuch geschrieben:

Zuerst sauber wissen. Dann kommunizieren.

Danach hatte er es durchgestrichen, weil es zu passiv-aggressiv aussah.

Jetzt war es kurz nach fünf. Sein Kaffee war kalt, sein Rücken fest, und sein Kopf schob seit Stunden zwei Wirklichkeiten übereinander, die nicht zusammenpassten.

Die eine bestand aus Zahlen, Budgetspalten, Monatsabschluss und Verantwortung, die niemand vollständig haben wollte.

Die andere aus einem alten Treppenhaus in Linden, einer losen Fliese, gezeichneten Warnhinweisen und einem Mann namens Rafi, der einem Kaffee brachte, als wäre das eine kleine, beiläufige Handlung und nicht etwas, das sich den ganzen Tag unerklärlich im Körper halten konnte.

Nino klickte in der Tabelle eine Zelle an, die bereits korrekt war. Dann noch einmal.

„Alles okay bei dir?“

Nino sah auf.

Jana aus dem Accounting stand an seinem Schreibtisch, eine Tasse Tee in der Hand. Sie war eine dieser Kolleginnen, die nie laut wurden, aber immer alles mitbekamen – eine gefährliche Kombination.

„Ja“, sagte Nino.

Sie sah auf seinen Bildschirm. „Du schaust die Dienstleistungsabweichung an, als hätte sie dir persönlich wehgetan.“

„Hat sie fachlich auch.“

Jana lächelte. „Du bist umgezogen, oder?“

Nino blinzelte langsam.

„Ja.“

„Und, gut angekommen?“

Er dachte an das Schild unten im Haus.

Das Haus urteilt leise.

„Ja“, sagte er. „Es ist praktisch.“

Jana hob eine Augenbraue. „Praktisch klingt nach einer Wohnung, die du nicht magst.“

„Praktisch klingt nach einer Wohnung, die ihren Zweck erfüllt.“

„Aha.“

Dieses Wort war im Mund anderer Menschen wesentlich weniger angenehm als in einem neutralen Kontext.

„Es ist ein möbliertes Zimmer“, sagte Nino. „Übergangsweise.“

„In welchem Stadtteil?“

„Linden.“

„Oh.“ Jana lächelte jetzt anders. „Dann ist es nicht praktisch – dann ist es eine Erfahrung.“

„Das klingt bedrohlich.“

„Ist es manchmal auch.“ Sie nahm einen Schluck Tee. „Aber besser als diese ganzen Neubauten, in denen man schon vom Treppenhaus aus merkt, dass niemand je spontan eine Suppe kocht.“

„Das ist eine sehr spezifische Wohnungsbewertung.“

„Ich habe elf Jahre in Linden gewohnt. Man lernt dort, Häuser nach Suppenwahrscheinlichkeit zu beurteilen.“

Nino dachte an Rafis Satz vom Bad, an die Küche, an die Quiche unten im Café. An die Art, wie das Haus schon nach einem Abend den Eindruck vermittelte, dass irgendjemand immer etwas übrig hatte oder wissen wollte, ob man gegessen hatte.

„In dem Haus vermutlich ziemlich hoch“, sagte er.

Jana zeigte mit der Tasse auf ihn. „Siehst du, schon keine Übergangslösung mehr.“

„Ich bin seit gestern da.“

„Linden arbeitet schnell.“

Dann ging sie wieder. Als hätte sie nichts gesagt, das Nino noch die nächsten zwanzig Minuten beschäftigen würde.

Er blieb einen Moment sitzen.

Dann speicherte er die Datei, schloss die offenen Fenster und fuhr den Laptop herunter.

Für heute reichte es.

Draußen war es dunkel geworden.

Auf dem Weg zurück nach Linden dachte er nicht an Anna.

Das fiel ihm erst auf, als die Bahn über den Schwarzen Bären fuhr und draußen die Lichter dichter wurden.

Er dachte nicht an die Wohnung, die sie gemeinsam aufgegeben hatten. Nicht an das Regal, das sie in drei schweigenden Stunden auseinandergebaut hatten. Nicht an Anna mit den Händen um ihre Teetasse und diesem Satz: „Ich glaube, wir sind beide schon länger höflich zueinander als ehrlich.“

Ein Satz, der richtig gewesen war und trotzdem wehgetan hatte.

Stattdessen dachte er an eine lose Fliese.

An der Haltestelle stieg er aus und ging die Limmerstraße entlang. Es hatte geregnet, die Straße glänzte. Vor einem Späti standen drei Fahrräder ineinander verkeilt. Zwei Männer diskutierten ernst über vegane Bratwurst. Ein Plakat am Laternenmast warb für ein Konzert auf dem Faust-Gelände. Darunter klebte ein kleiner Sticker, auf dem stand:

Limmern ist keine Tätigkeit. Es ist eine Wetterlage.

Nino blieb kurz davor stehen.

Er verstand den Satz nicht ganz.

Das störte ihn mehr, als es sollte.

Vor einem Kiosk hingen Bier, Tabak und nasses Papier in der Luft. Ein Hund mit gelbem Halstuch bellte einen E-Scooter an, als verteidige er eine alte Ordnung. Linden hatte eine eigene Taktung: nicht entspannt, nicht chaotisch. Eher wie ein Raum, in dem alle wussten, dass es ohnehin zu wenig Platz gab, um vollständig unberührt voneinander zu bleiben.

Als Nino in die Seitenstraße einbog, sah er das Café Treppenlicht schon von weitem.

Warm erleuchtet, gemütlich.

Er wollte eigentlich direkt ins Treppenhaus – wirklich.

Er hatte nichts gegen Menschen, aber nach diesem Arbeitstag hatte er auch nichts aktiv für sie. Sein Plan war klar: hochgehen, Jacke ausziehen, duschen, wohl die zwei Kartons weiter auspacken, vielleicht Anna schreiben. Eine Reihe vernünftiger, kontrollierbarer Möglichkeiten.

Dann öffnete sich die Cafétür, und Theo trat heraus.

Nino erkannte ihn nicht wirklich, aber der Name war ihm auf der Tafel begegnet, und der Mann vor ihm akzeptierte Zimtschnecken offenbar nur widerwillig als Konzept.

Groß, schmal, dunkler Rollkragen, Mantel offen, Gesichtsausdruck eines Mannes, der die Existenz der meisten Dinge bereits geprüft und für mangelhaft befunden hatte. In einer Hand hielt er eine Zigarette, die er nicht anzündete, in der anderen ein kleines Notizbuch.

Er sah Nino an.

„Du bist der Neue.“

Nino blieb stehen. „Nino.“

„Ich weiß.“

„Dann war die Feststellung unnötig.“

Theo hob eine Braue.

Eine winzige, kaum merkliche Bewegung. Aber Nino erkannte sofort, dass er gerade entweder einen Fehler gemacht oder eine Prüfung bestanden hatte.

„Interessant“, sagte Theo.

„Was?“

„Du läufst nicht gleich weg.“

„Sollte ich?“

„Das klären wir noch.“

Die Tür hinter Theo ging erneut auf, und Malik trat heraus. Heute trug er ein weißes Hemd unter einer dunklen Strickjacke, als hätte er selbst nach zehn Stunden Café noch nicht akzeptiert, dass andere Menschen in Jogginghosen existierten.

„Theo, wenn du neue Mieter direkt am ersten Abend verschreckst, nehmen wir dir das Rederecht im Hof.“

„Das wäre verfassungswidrig.“

„In diesem Haus gibt es keine Verfassung – nur Hannelore und Heizkosten.“

Malik wandte sich Nino zu und lächelte. Nicht übertrieben – freundlich, aber mit dieser wachen Art, die einen sofort einsortierte.

„Malik.“

„Nino.“

„Willkommen. Du hast Rafi überlebt, nehme ich an?“

„Bis jetzt.“

„Stabiler Eindruck.“ Malik hielt ihm die Tür auf. „Komm rein. Du siehst aus, als hätte dein Tag zu viele Abstimmungen enthalten.“

Nino sah zum Treppenhaus, dann ins Café, in warmes Licht, Stimmen, Tassen, Holz, in dem Rafi nicht zu sehen war.

Was selbstverständlich kein Grund war.

„Ich wollte eigentlich hoch“, sagte Nino.

„Das sagen hier alle“, sagte Theo. „Am Ende sitzen sie unten und essen Käse.“

Malik ignorierte ihn. „Es gibt Quiche. Rafi hat gekocht, also müssen wir alle so tun, als wären wir objektiv und nicht emotional erpressbar.“

„Das ist ein Hilferuf mit Käserand“, sagte Theo.

„Ich bin wirklich nicht –“

„Du störst nicht“, sagte Malik.

Theo zog an seiner unangezündeten Zigarette, als wäre das möglich. „Wenn du klug bist, isst du jetzt. Später fragt dich Hannelore sonst, warum du so dünn aussiehst, und dann wird es gesellschaftlich schwierig.“

„Ich sehe nicht dünn aus“, sagte Nino.

Theo sah ihn einmal von oben bis unten an. „Nein, aber Hannelore arbeitet nicht mit Fakten.“

Malik seufzte. „Komm einfach rein, bevor das hier ein Gespräch wird.“

Nino hätte Nein sagen können.

Er tat es nicht.

Das Café war innen noch wärmer als von außen.

Nicht überheizt, sondern genau auf der Temperatur, die einem nachträglich erklärte, wie kalt es vorher gewesen war. In der Luft lagen Kaffee, Zwiebeln, Käse und nasser Stoff. Zwei Gäste saßen noch am Fenster. Hannelore hatte ihren Stammplatz mit der Zeitung besetzt. Ein Mann im grünen Pullover schrieb in ein Notizbuch und hatte die ernste Haltung eines Menschen, der entweder einen Roman begann oder eine Beschwerde formulierte.

Hinter der Theke stand Rafi.

Er trug ein dunkles Hemd, die Ärmel hochgeschoben, ein florales Tattoo zog sich den linken Arm herunter. Er hielt ein Messer in der Hand, mit dem er gerade ein Stück Quiche vom Blech löste. Neben ihm lag ein Stapel Teller. Auf der Kreidetafel hinter ihm stand in derselben Handschrift wie draußen:

Quiche mit Lauch, Käse und Überzeugung.

Darunter:

Theo sagt, sie sei okay. Das ist Lob.

Rafi hob den Kopf, als die Tür ins Schloss fiel.

Sein Blick fand Nino sofort.

„Ah“, sagte er. „Der Mann von gegenüber.“

„Du hast ihn doch eingeladen?“, fragte Malik.

„Ich habe ihm Kaffee gebracht. Das ist ein Unterschied.“

„Ein sehr kleiner.“

Theo hängte seinen Mantel über einen Stuhl. „Ich möchte festhalten, dass ich gegen jede Form von gemeinschaftsstiftender Quiche bin.“

„Du isst dennoch mit“, sagte Rafi.

„Natürlich. Ich bin gegen Prinzipienverschwendung.“

Nino blieb im Raum stehen, die Tasche noch am Arm, und wusste nicht, was er mit seinen Händen tun sollte. Das passierte ihm selten. Normalerweise gab es Jacken, Taschen, Stühle, Arbeitsmappen. Hier gab es zu viele Möglichkeiten, und keine davon hatte eine erkennbare Reihenfolge.

Rafi kam um die Theke herum, einen Teller in der Hand.

„Du kannst deine Tasche da hinstellen“, sagte er und deutete auf eine Bank neben dem hinteren Tisch. „Die Jacke nicht auf Theos Stuhl, sonst tut er so, als wäre das ein persönliches Attentat.“

„Ist es auch“, sagte Theo.

Nino stellte die Tasche ab.

Rafi stellte den Teller vor ihn. „Iss.“

„Ich habe noch nicht zugesagt.“

„Du bist im Café, du hast Blickkontakt mit Quiche – juristisch schwierig.“

Nino sah auf den Teller, auf dem die Quiche verführerischer duftete, als sie sollte – nach Lauch, Käse und Kräutern in Butterteig, und sein Magen reagierte schneller als sein Stolz.

„Danke“, sagte er.

„Gern.“

Rafi setzte sich ihm gegenüber, ganz selbstverständlich. Malik brachte Gläser mit Wasser. Theo nahm den Platz am Ende des Tisches ein und tat so, als wäre Anwesenheit unter Protest etwas anderes als Anwesenheit.

„Und?“, fragte Malik. „Erster Tag überstanden?“

Hannelore blätterte eine Seite um. „Man erkennt sie oft an schlechten Kartons.“

Nino sah zu ihr. „Bitte?“

„Übergangslösungen.“

Nino schnitt ein Stück Quiche ab. „Mehr oder weniger.“

„Das ist eine ehrliche Antwort.“

„Es war ein Arbeitstag.“

„Was machst du?“, fragte Theo.

„Controlling.“

Hannelore senkte die Zeitung. „Schrecklich.“

Nino sah zu ihr. „Es gibt schlimmere Tätigkeiten.“

„Bestimmt“, sagte Hannelore. „Aber wenige, die schon im Namen so trocken klingen.“

„Das ist beruflich unfair.“

„Ich bin privat unfair, beruflich war ich Buchhändlerin.“

Rafi grinste. „Hannelore war die einzige Buchhändlerin in Hannover, die Menschen Bücher ausgeredet hat, wenn sie diese für charakterlich ungeeignet hielt.“

„Jemand musste Standards halten“, sagte Hannelore. „Ein Mensch, der bei Regen Kafka kauft, braucht nicht noch mehr Dunkelheit.“

Theo sah zu Rafi. „Das erklärt das Gesicht.“

„Welches Gesicht?“, fragte Nino, zu spät, um sich noch zu fragen, ob er diese Frage stellen wollte.

„Das, mit dem du Dinge ansiehst, als würdest du sie innerlich bereits in Kostenstellen gliedern.“

Rafi lachte leise. „Das stimmt leider.“

Nino hob den Blick. „Du kennst mich seit gestern.“

„Und du hast heute beim Reinkommen zuerst die Sitzordnung geprüft, dann den Fluchtweg und dann die Tafel gelesen.“ Rafi zuckte mit einer Schulter. „Man muss den Menschen zuhören, auch wenn sie noch nichts sagen.“

Nino nahm einen Bissen Quiche, um nicht gleich antworten zu müssen.

Leider war sie wirklich gut.

Rafi beobachtete ihn mit kaum verhohlener Erwartung.

„Und?“

Nino kaute, schluckte. „Leider gut.“

Rafi legte eine Hand an die Brust. „Leider?“

„Ich wollte neutral bleiben.“

„Feindseliger Zugang zu Gebäck.“

„Quiche ist kein Gebäck.“

Theo hob den Finger. „Das ist die erste sinnvolle Aussage des Abends.“

Malik setzte sich dazu und schob ein Glas zu Nino. „Lass dich nicht täuschen. Theo stimmt Menschen nur zu, wenn er daraus später Distanz herstellen kann.“

„Ich sammle Material“, sagte Theo.

„Für was?“

„Für Enttäuschung.“

Rafi schob ihm wortlos den Brotkorb hin.

Der Abend bewegte sich weiter, ohne Nino zu fragen. Das war das Seltsame daran.

Niemand verhörte ihn oder verlangte eine Lebensgeschichte. Niemand fragte nach Anna, nach Umzug, nach Warum. Und trotzdem blieb er nicht unsichtbar. Malik fragte, ob er Kaffee schwarz trinke oder nur so aussehe. Theo wollte wissen, ob Controller eigentlich auch privat Spaß budgetierten. Rafi erklärte ihm, warum die linke Herdplatte in der Gemeinschaftsküche „ein Wesen mit Geschichte“ sei.

Nino antwortete weniger als die anderen – aber mehr, als er vorgehabt hatte.

Als er das nächste Mal auf die Uhr sah, war es halb elf. Er hatte in drei Stunden kein einziges Mal überlegt, wann ein guter Zeitpunkt zum Gehen wäre.

Später stand Nino mit seinem Wasserglas an der Wand und sah sich die Bilder genauer an.

Rafis Bilder, das wusste er inzwischen.

Eine Serie von Händen: eine, die eine Espressotasse hielt; eine, die ein Feuerzeug schützte; eine, die einen Schlüssel so fest umklammerte, dass die Knöchel weiß wurden. Daneben eine Zeichnung vom Küchengartenplatz im Regen, aber nicht als Stadtansicht. Eher als Erinnerung an Bewegung: Fahrräder, Schirme, ein Kind mit roter Mütze, eine Straßenlaterne, die sich im Asphalt spiegelte.

„Du guckst wieder sehr fachlich“, sagte Rafi neben ihm.

Nino hatte ihn nicht kommen hören.

„Ich versuche zu verstehen, warum die Bilder funktionieren.“

Rafi lehnte sich mit der Schulter an die Wand. „Und?“

„Sie sind nicht besonders detailliert.“

„Klingt hart.“

„Ist aber genau.“

Rafi hörte genau hin.

„Das nehme ich“, sagte er.

Nino zeigte auf die Zeichnung mit der Hand am Schlüssel. „Die ist gut.“

„Das war Hannelore, als sie dachte, sie hätte sich ausgesperrt.“

„Hatte sie?“

„Nein. Der Schlüssel war in ihrer linken Manteltasche. Sie hat trotzdem vier Menschen beschuldigt, das Haus gegen sie aufzubringen.“

„Und du hast sie gezeichnet?“

„Erst danach.“ Rafi lächelte. „Währenddessen war ich mit Überleben beschäftigt.“

Nino sah noch einmal auf die Zeichnung.

„Du zeichnest Menschen nicht freundlich“, sagte er.

„Nein?“

„Doch. Aber nicht schmeichelhaft.“

Rafi verschränkte die Arme locker. „Schmeichelhaft ist meistens langweilig.“

„Und was ist besser?“

„Erkennbar.“

Das Wort blieb zwischen ihnen hängen.

Nino wusste nicht, warum er es so stark spürte.

„Das klingt gefährlich“, sagte er.

„Ist es manchmal.“

Von der Theke rief Malik: „Rafi, du hast die Quicheform schon wieder in der Spüle gelassen!“

Rafi legte den Kopf in den Nacken. „Ich werde hier ständig in meiner Kunst unterbrochen.“

„Du hast gekocht“, sagte Malik. „Das ist keine Kunstbefreiung.“

Theo stand auf und nahm seinen Mantel. „Ich gehe, bevor irgendjemand Handtücher faltet und das Gemeinschaft nennt.“

„Niemand vermisst dich“, sagte Rafi.

„Doch – immer mit Verzögerung.“

Theo ging.

Malik verschwand in die Küche.

Plötzlich waren Rafi und Nino für einen Moment allein im Gastraum.

Punkt Mitternacht setzte hinter der Theke „Stadt mit Keks“ ein.

Rafi sah zur Uhr. „Radio Hannover. Pünktlich wie immer.“

Nino blickte zum Radio. „Das Café hat ein Schlusslied?“

„Die Stadt hat ein Anfangslied.“

Rafi stieß sich von der Wand ab. „Willst du hoch?“

Nino sah zur Treppe. „Vermutlich.“

„Vermutlich ist kein Ja.“

„Du bist sehr genau für jemanden, der Schilder mit beleidigten Duschköpfen malt.“

„Man muss Prioritäten haben.“

Nino nahm seine Tasche von der Bank.

„Danke für die Quiche“, sagte er.

„Gern.“

„Und den Kaffee gestern.“

„Auch gern.“

„Und die Warnung vor Theo.“

„Die war gemeinnützig.“

Sie gingen gemeinsam zur Tür, die vom Café ins Treppenhaus führte. Rafi schaltete hinter ihnen einen Teil des Lichts aus, und sofort wirkte der Raum anders, weniger Café und mehr Haus, mehr ein Ort, der nachts seine eigenen Regeln hatte.

Im Treppenhaus war es kühler, mit Stein, Holz und einem Rest Kaffee in der Luft.

Sie stiegen bis zum zweiten Stock nebeneinander hoch. Nicht eng, aber nah genug, dass Nino Rafis Schritte neben seinen spürte. Der Altbau zwang Menschen zur Nähe, ohne sie offiziell zuzugeben.

Vor ihren Türen blieben sie stehen – die lose Fliese genau dazwischen.

„Du hast sie diesmal gemieden“, sagte Rafi.

Nino sah hinunter. „Ich lerne schnell.“

„Das behaupten viele. Die meisten treten am dritten Tag wieder drauf.“

„Ich werde versuchen, das Niveau zu halten.“

„Sehr ambitioniert.“

Nino schloss seine Tür auf, zögerte aber.

„Das Café“, sagte er dann. „Ist das immer so?“

Rafi lehnte sich mit der Schulter an seinen Türrahmen. „So chaotisch?“

„So …“ Nino suchte nach dem richtigen Wort und fand nur eins, das er nicht verwenden wollte.

Rafi ließ ihm das Wort.

„So bewohnt“, sagte Nino schließlich.

Rafis Gesicht veränderte sich kaum, aber Nino sah es trotzdem. Er hatte das richtige Wort gefunden.

„Ja“, sagte Rafi. „Meistens.“

Mehr sagte er nicht.

Es war ohnehin schon mehr gewesen, als er geplant hatte.

„Gute Nacht, Nino“, sagte Rafi.

Sein eigener Name klang inzwischen nicht mehr überraschend, eher wie etwas, das schon einen Platz im Flur gefunden hatte.

„Gute Nacht.“

Nino trat in sein Zimmer und schloss die Tür.

Drinnen war alles genau so, wie er es verlassen hatte: der Koffer geschlossen, die Kartons an der Wand, die Pflanze auf der Fensterbank, der Laptop auf dem Schreibtisch. Ordnung, Ruhe, ein Raum, der nichts von ihm wollte.

Eigentlich.

Er stellte die Tasche ab und blieb stehen.

Unten im Haus hörte er Malik lachen. Hellhörig hier, dachte er.

Kurz darauf Rafis Stimme, gedämpft und warm und nicht zu verstehen.

Nino zog die Jacke aus, hängte sie über den Stuhl und sah zum Fenster hinaus in den Hof.

Die Lichterkette brannte.

Das Haus hatte ihn nicht gefragt, ob er Teil seiner Geräusche werden wollte – es hatte einfach angefangen.

Irgendwo über ihm knackte es leise in der Wand.

Nino sah zur Decke.

Einen Moment später kam ein zweites Geräusch, tiefer und kürzer, kein gewöhnliches Arbeiten im Holz, eher etwas, das sich durch ein Rohr bewegte und dabei nicht gefragt hatte, ob es willkommen war.

Altbau, dachte Nino automatisch – Übergangslösung.

Er löschte das Licht.

Im Dunkeln hörte er noch einmal hin.

Nichts.

Nur das Haus, das irgendwo in seinen Wänden arbeitete. Nur Rohre, Holz, alte Leitungen, die bei Temperaturwechseln so taten, als hätten sie eine Meinung. Nino sagte sich, dass das plausibel war. Dann sagte er sich das noch einmal, weil plausibel nicht dasselbe war wie beruhigend.

Unten verstummten nach und nach die letzten Geräusche, eine Tür fiel leise ins Schloss, Schritte gingen die Treppe hinauf, und dann war nur noch eine zugezogene Tür irgendwo im Haus und der Regen an der Scheibe.

Irgendwann musste Nino eingeschlafen sein.

Als er wieder aufschreckte, war das Zimmer dunkel und kälter als vorher, und einen Moment lang wusste er nicht, was ihn geweckt hatte. Sein Handy lag neben dem Bett und zeigte kurz nach vier.

Dann kam das Geräusch wieder – nicht aus der Wand wie zuvor, sondern scheinbar von gegenüber: Etwas schabte über den Boden, schwer genug, dass Nino es spürte. Dann ein dumpfer Schlag.

Stille. Dann ein Fluch.

Nino setzte sich auf.

Er wartete gerade lange genug, um sich sagen zu können, dass Rafis Zimmer nicht seine Angelegenheit war.

Dann schepperte etwas.

Nino stand auf.

Im Flur sprang das Licht mit einer beleidigten Verzögerung an. Rafis Tür öffnete sich im selben Moment.

Rafi stand barfuß im Türrahmen. Das T-Shirt zerknittert, die Haare vom Schlaf in mehrere Richtungen entschieden. Auf seiner linken Schulter war ein dunkler, nasser Fleck.

In einer Hand hielt er eine Keramikschale. In der anderen drei Bleistifte.

Nino sah auf die Schale, dann auf den nassen Stoff, danach in Rafis Zimmer. Hinter ihm fiel ein Tropfen.

Ein kleiner, sauberer Klang.

Rafi folgte seinem Blick zur Decke. „Das Haus hat offenbar beschlossen, räumliche Grenzen neu zu verhandeln.“

Der nächste Tropfen traf nicht die Schale, sondern den Boden.

Nino trat näher. „Wo genau?“

„Über meinem Bett.“

„Seit wann?“

„Gestern einmal, seit ungefähr drei Minuten ernsthaft – emotional deutlich länger.“

Aus dem Zimmer kam ein weiteres leises Pling.

Rafi hob die Schale ein Stück an. Ein Bleistift rutschte ihm aus den Fingern und fiel in den Flur.

Nino hob ihn auf.

Rafi nahm ihn nicht sofort.

Für einen kurzen Moment standen sie beide da, nachts, barfuß, mit einem Bleistift zwischen ihnen und Wasser an einer Stelle, an der kein Wasser sein sollte.

Dann nahm Rafi ihn.

„Danke.“

„Gern.“

Aus dem Zimmer kam ein dumpferes Geräusch.

Rafis Blick wanderte über Ninos Schulter zu dessen offener Tür.

„Sag mir bitte, dass du einen Eimer besitzt.“

Kapitel 4

Wasser von der falschen Seite

Nino besaß einen Eimer – natürlich besaß Nino einen Eimer.

Er verschwand in seinem Zimmer und kam wenige Sekunden später mit einem grauen Putzeimer zurück, der sauber und unbeschädigt aussah, als sei er gekauft worden, bevor er gebraucht wurde, vermutlich mit Quittung.

Rafi nahm ihn entgegen.

„Ich wusste, dass es einen Grund gibt, warum man Menschen mit geordneten Schreibtischen im Haus haben sollte.“

Nino sah auf die Keramikschale in Rafis Hand. „Wofür war die?“

„Stifte.“

„Und jetzt?“

„Krisenmanagement.“

Nino nickte, als sei das eine sachlich ausreichende Antwort.

Am Abend zuvor war es bei einem einzelnen Tropfen geblieben. Die Schale hatte bis zum Morgen leer unter der dunklen Stelle gestanden, und Rafi hatte die Bleistifte wieder hineingelegt. Restfeuchtigkeit, hatte er entschieden. Ein Altbau durfte gelegentlich dramatisch atmen.

Vor weniger als fünf Minuten hatte die Decke diese Erklärung widerrufen.

Etwas Kaltes war auf Rafis Stirn gefallen, der zweite Tropfen auf seine Wange und der dritte auf das Kissen, und danach waren die Abstände kürzer geworden.

Jetzt stand Nino mitten in der Nacht vor ihm und hielt zusätzlich drei dunkelgraue Handtücher unter dem Arm.

„Die auch“, sagte er.

Rafi sah auf die gefalteten Kanten. „Du hast die nicht gerade gefaltet.“

„Nein.“

„Gut. Das wäre beunruhigend gewesen.“

Sie gingen in Rafis Zimmer.

Der Fleck über dem Bett war größer geworden. Nicht dramatisch größer, nur groß genug, dass Rafis Körper sofort verstand, was sein Kopf noch gern diskutiert hätte.

Nino stellte den Eimer unter die feuchteste Stelle.

Tropf.

Das Wasser traf den Kunststoff mit einem dumpfen Laut.

Tropf.

Rafi verschränkte die Arme.

„Wir werden alle sterben!“

Nino richtete den Eimer um wenige Zentimeter neu aus. „Wahrscheinlich nicht daran.“

„Das ist deine Form von Trost?“

„Im Moment ja.“

Der nächste Tropfen landete genau in der Mitte. Nino sah kurz zufrieden aus – unangemessen zufrieden.

„Das Geräusch ist schlimmer geworden“, sagte Rafi.

„Aber das Wasser landet jetzt im Eimer.“

„Du hast sehr funktionale Prioritäten.“

„Du nicht?“

Rafi sah auf die Keramikschale, die noch immer in seiner Hand lag.

„Ich arbeite daran.“

Nino ging zum Bett. „Wir sollten es von der Wand wegziehen.“

Rafi stellte die Schale auf den Schreibtisch. Drei weitere Stifte lagen dort bereits zwischen Skizzenblöcken, einem Glas mit Pinseln und einem ungeöffneten Brief, den er seit vier Tagen erfolgreich nicht beachtete.

„Wir?“

Nino sah ihn an. „Du kannst es auch allein versuchen.“

„Das klang fast wie eine Herausforderung.“

„Es war eine Feststellung.“

Sie griffen an entgegengesetzten Seiten nach dem Bettrahmen. Das Holz bewegte sich erst nicht und dann mit einem langen, protestierenden Kratzen.

Rafi zog stärker. Ein Bettbein verfing sich in der Teppichkante, der Rahmen kippte leicht, und das Nachttischchen begann gefährlich zu schwanken.

Nino ließ sofort los und fing die Lampe auf, bevor sie fiel.

„Praktisch“, sagte Rafi.

„Eine Diagnose?“

„Noch offen.“

Sie stellten die Lampe auf den Schreibtisch, schoben das Nachttischchen beiseite und zogen das Bett weiter in den Raum.

Unter dem Rahmen kamen Staub, eine einzelne Socke, ein alter Bleistift und eine Skizze zum Vorschein, auf der Rafi irgendwann eine Hand gezeichnet hatte.

Nino sah hinunter.

Rafi hob das Blatt schneller auf, als nötig gewesen wäre.

„Das ist keine Ausstellung.“

„Ich habe nichts gesagt.“

„Du hast fachlich geguckt.“

„Das tue ich offenbar.“

Rafi legte die Zeichnung mit der Bildseite nach unten auf den Tisch.

Das Bett stand jetzt weit genug von der Wand entfernt. Die Matratze hatte am Rand einen dunklen Halbmond, das Kissen war feucht. Die obere Ecke des Buches auf dem Nachttisch begann sich zu wellen.

Das Buch ärgerte Rafi am meisten, und zwar nicht, weil es wertvoll war, sondern weil nasse Dinge sofort so hilflos aussahen.

Nino legte eines der Handtücher auf die Matratze. „Das Kissen muss raus.“

Rafi nahm es hoch, und Wasser hatte sich bis in den Stoff gezogen, nicht viel, aber genug.

Er trug es über den Flur in ihr Gemeinschaftsbad und legte das Kissen in die Dusche.

Als er zurückkam, kniete Nino neben dem Bett und prüfte mit zwei Fingern die Teppichkante.

„Hier ist es auch feucht.“

„Sehr aufmerksam von meinem Zimmer, das Thema konsequent umzusetzen.“

Nino stand auf. „Malik sollte das wissen.“

Rafi sah zur Uhr.

Kurz vor halb fünf.

„Er wird mich umbringen.“

„Dann hätte das Wasser doch noch Folgen.“

Rafi sah ihn an.

Nino sah vollkommen ernst zurück.

Dann veränderte sich etwas in seinem Mundwinkel, kaum, aber eindeutig.

Rafi griff nach seinem Handy. „Du bist im falschen Haus gelandet, wenn du glaubst, dass so etwas unkommentiert bleibt.“

„Das merke ich.“

Malik ging beim ersten Anruf nicht ran. Beim zweiten auch nicht. Beim dritten hörten sie unter sich ein dumpfes Poltern.

Kurz darauf kamen Schritte im Treppenhaus hoch. Malik erschien in der offenen Tür, die Brille schief, das T-Shirt falsch herum, seine Fürsorge noch nicht vollständig auf Betriebstemperatur.

Für Malik war das beinahe apokalyptisch.

„Wenn das nicht brennt“, sagte er, „bringe ich euch beide um.“

Rafi zeigte zur Decke. Ein Tropfen fiel in den Eimer.

Malik blinzelte einmal. Dann war er wach.

„Seit wann?“

„Ungefähr zehn Minuten.“

Malik ging ins Zimmer, sah zur Decke, zum Bett und auf den nassen Rand der Matratze.

Er sagte nichts – das war schlecht. Malik sagte selten nichts, wenn etwas harmlos war.

„Sag irgendwas“, sagte Rafi.

„Das ist nicht gut.“

„Ich meinte etwas Hilfreiches.“

„Hausmeister.“

Malik zog bereits sein Handy aus der Hosentasche.

„Um halb fünf?“, fragte Rafi.

„Ja.“

„Er wird begeistert sein.“

„Das ist mir erstaunlich egal.“

Malik ging zum Telefonieren in den Flur.

„Ja, jetzt“, hörte Rafi ihn sagen. „Nein, nicht irgendwann. Es tropft auf ein Bett.“

Kurze Pause.

„Ja, ich weiß, dass es früh ist. Das Wasser offensichtlich nicht.“

Rafi hätte gelacht, wenn sein Brustkorb nicht plötzlich so eng gewesen wäre.

Er sah sich um.

Sein Bett stand mitten im Zimmer, die Lampe auf dem Schreibtisch, das feuchte Kissen in der Dusche, der Eimer unter der Decke und seine Zeichnung umgedreht zwischen den Stiften.

Vor dem Fenster lag der Innenhof grau im sehr frühen Morgen. Die Lichterkette war aus, die Stühle dunkel vom Regen, die Kräuterdosen nass. Linden lag noch im Tiefschlaf.

Sein Zimmer nicht – sein Zimmer tropfte. Altbau.

Alt bedeutete Geld, alt bedeutete Oskar, alt bedeutete Kostenvoranschläge, Priorisierungen und Gespräche mit Menschen, die so taten, als könne man Zuhause in Maßnahmenpakete sortieren.

„Hier.“

Nino hielt ihm das letzte Handtuch hin. Rafi griff danach.

Ihre Finger berührten sich kurz.

Warme Haut gegen seine kalte Hand.

Rafi hielt einen Moment zu spät fest.

Nino offenbar auch.

Dann ließ er los.

„Danke“, sagte Rafi.

„Gern.“

Nino wandte sich zur Matratze, als wäre nichts gewesen, was es fast schlimmer machte.

Malik kam zurück ins Zimmer. „Kröger ist unterwegs.“

„Unterwegs wie in tatsächlich unterwegs?“, fragte Rafi.

„Kröger wohnt zwei Straßen weiter“, sagte Malik, im Ton einer Information, die man in diesem Haus ohnehin vorsorglich wusste. „Er hat beleidigt geklungen, das werte ich als Zusage.“

Nino zog das feuchte Handtuch auf der Matratze glatt.

Ohne Theater, ohne übertriebene Sorge und ohne Mitleid, das Rafi sofort aggressiv gemacht hätte.

Er tat einfach die Dinge, die getan werden mussten, in der Reihenfolge, in der sie sinnvoll waren.

Das war gefährlich beruhigend.

Der Hausmeister kam nicht irgendwann, er kam ganze fünfzehn Minuten später.

Ein Mann namens Kröger, grauhaarig, mit wetterfester Jacke, Werkzeugkoffer und dem Gesicht eines Menschen, der Altbauten nicht mochte, aber eine lange, persönliche Beziehung zu ihnen hatte. Er sah sich die Decke an, das Bett, die Wand und den Eimer und sagte erst einmal gar nichts.

Auch schlecht.

„Wenn Sie jetzt schweigen, weil Sie es nicht dramatisch machen wollen, funktioniert das nicht“, sagte Rafi.

Kröger blickte zu ihm. „Ich schweige, weil ich denke.“

„Ungünstig.“

„Leitung“, sagte Kröger schließlich.

„Sicher?“, fragte Malik.

„Ziemlich. Nicht Dach, dafür ist der Verlauf falsch.“

Rafi ließ die Luft langsam los. „Ich hätte nie gedacht, dass ich mich über nicht Dach freue.“

Kröger zeigte zur Wand. „Kann sein, dass die Leitung durch den Abstellraum läuft und hier nur durchdrückt. Müssen wir öffnen.“

„Öffnen“, wiederholte Rafi.

„Ja.“

„Was genau?“

Kröger blickte zu ihm. „Wand.“

„Natürlich, warum sollten Wände auch privat bleiben.“

Nino trat einen Schritt näher. „Wie schnell?“

Kröger blickte zu ihm.

Rafi auch.

Nino klang nicht wie jemand, der bloß höflich fragte. Er klang, als habe er in seinem Kopf bereits eine Tabelle mit Spalten für Schaden, Maßnahme und Risiko begonnen.

„Wenn ich Material hole, heute noch provisorisch“, sagte Kröger. „Richtig dann morgen oder übermorgen, je nachdem, ob ich an die Leitung komme.“

„Und das Zimmer?“, fragte Nino.

Kröger sah wieder an die Decke, dann zum Bett. „Für den Rest der Nacht würde ich hier nicht schlafen.“

Kröger sagte den Satz ohne Gewicht. Rafi spürte ihn trotzdem.

Sein Zimmer war klein, im Winter zu kalt, und der Schreibtisch stand nur deshalb am Fenster, weil er sonst nirgendwo hinpasste. Dafür hatte es eine Tür. Wenn unten im Café zu viel gesprochen wurde, ging Rafi hoch und machte sie einfach zu – danach war es still, ohne dass er sich dafür rechtfertigen musste.

Und jetzt stand ein Mann mit Werkzeugkoffer darin und erklärte, dass selbst diese Tür vorerst nichts nützte.

„Verstanden“, seufzte Rafi.

Es klang nicht okay – natürlich nicht.

Malik sah sofort zu ihm, Nino auch. Rafi hasste, dass beide es hörten.

„Ich kann unten schlafen“, sagte er. „Sofa im Café.“

Malik verzog das Gesicht. „Das Sofa ist für Menschen bis eins zwanzig und moralisch Verzweifelte.“

„Dann bin ich heute moralisch flexibel.“

„Nein.“

„Malik.“

„Nein.“

Kröger sah zwischen ihnen hin und her und sagte nichts. Er hatte in diesem Beruf offenbar schon zu viele Mieterkonflikte gehört, um sich einzumischen.

Nino schwieg.

Rafi griff nach seinem nassen Buch, strich über die gewellte Ecke und legte es wieder hin. „Dann bei dir im Zimmer.“

„Mein Sofa ist schlimmer als unten“, sagte Malik. „Und ich habe die halbe Buchhaltung auf dem Boden.“

„Das ist keine Wohnsituation, das ist ein Hilferuf.“

„Ich weiß.“

Die Stille dauerte nur einen Moment.

Ein Hotel war zu teuer, zu übertrieben und zu sehr ein Oskar-Gespräch. Hannelore würde ihn mit Tee, Geschichten und Wahrheiten töten. Bei Theo wäre ihm der Wasserschaden lieber, das Bett auf den Flur zu stellen war lächerlich, und im Café war es eng und kalt.

„Du kannst bei mir schlafen“, sagte Nino.

Malik schwieg.

Kröger tat sehr erfolgreich so, als prüfe er die Wand.

„Mein Zimmer ist trocken“, sagte er.

Rafi blinzelte. „Das habe ich mir zusammengerechnet.“

„Es ist klein, aber besser als das Sofa.“

„Das ist eine sehr niedrige Messlatte.“

„Trotzdem.“

Rafi wollte Nein sagen. Sofort – nicht, weil er nicht wollte, sondern genau deshalb. Bei Nino schlafen, in seinem Zimmer, nur aus praktischen Gründen.

„Du musst das nicht anbieten“, sagte Rafi.

„Das weiß ich.“

„Ich meine, wirklich nicht.“

„Ich auch.“

Malik lehnte am Türrahmen, verräterisch still.

Rafi warf ihm einen Blick zu.

Malik hob kaum merklich die Schultern. Ich bin nur die Infrastruktur.

„Es wäre nur für ein paar Nächte“, sagte Nino. „Bis klar ist, wie schlimm das ist.“

Kröger räusperte sich. „Ein paar Nächte mindestens.“

Alle sahen ihn an.

„Was?“, sagte Kröger. „Ich arbeite mit Wänden, nicht mit Hoffnung.“

Rafi lachte, obwohl ihm nicht danach war. Das tat gut, wenigstens ein bisschen.

„Fantastisch“, sagte er. „Sogar der Handwerker hat bessere Pointen als wir.“

Ninos Blick blieb bei ihm – ohne Drängen, ohne etwas reparieren zu wollen, einfach offen.

Rafi dachte an Malik: Du musst nicht jedem sofort zeigen, dass er bleiben darf.

„Okay“, sagte Rafi.

Das Wort war klein – der Raum wurde danach anders.

Nino nickte nur.

Malik stellte seine Tasse ab. „Dann holen wir deine Sachen rüber, bevor Kröger die Wand beleidigt.“

„Ich beleidige keine Wände“, sagte Kröger.

Rafi sah zur Decke. Ein weiterer Tropfen fiel in den Eimer.

„Sie hat angefangen“, sagte er.

Damit stand fest: Rafis Zimmer war für den Rest der Nacht erledigt.

Und Ninos Zimmer war plötzlich nicht mehr nur Ninos Zimmer.

Kapitel 5

Zu wenig Platz

Eine Stunde später stand Rafis halbes Leben in Ninos Zimmer.

Technisch war das übertrieben, wie fast alles an diesem Morgen.

Um kurz nach sechs hatte Nino seinem Projektleiter geschrieben, dass er die nächsten Tage aus dem Homeoffice arbeite. Der Satz war formal korrekt, und ob er stimmte, würde sich zeigen.

Nino stand am Schreibtisch und räumte Platz frei, nicht hektisch, sondern effizient: Laptop nach links, Buch aufs Regal, Glas auf die Fensterbank, eine leere Ecke für Rafis Sachen.

„Du musst nicht alles umorganisieren“, sagte Rafi.

„Ich organisiere nicht alles um.“

„Du hast den Stuhl gerade um acht Zentimeter verschoben.“

Nino sah auf den Stuhl. Dann auf Rafi. „Er stand im Weg.“

„Natürlich.“

„Das war keine ästhetische Entscheidung.“

„Bei dir sehen funktionale Entscheidungen verdächtig ästhetisch aus.“

Nino stellte den Stuhl wieder minimal zurück.

Rafi grinste. Dann hob er ein Handtuch, zwei Bücher und eine Wäscheklammer hoch, als hätte er gerade eine tragfähige Wohnlösung erfunden.

„Das hier wäre dann mein Ablagesystem.“

Nino betrachtete die Konstruktion.

„Das ist im besten Fall fragwürdig.“

„Aber charmant.“

„Das war nicht die Kategorie.“

„Noch nicht.“

Zum ersten Mal an diesem Morgen war etwas nicht kaputt.

In Ninos Zimmer roch es nach Waschmittel und Kaffee; vom Fenster kam ein kalter Luftzug. Es war ordentlich, aber nicht unbewohnt. Zwei Kartons standen noch an der Wand.

Eine dunkelblaue Decke lag über dem Stuhl. Rafis Blick blieb sofort daran hängen.

„Du hast Ersatzdecken.“

Nino deutete mit dem Kinn darauf. „Eine.“

„Für Notfälle?“

„Offenbar.“

„Ich fühle mich geehrt, als haustechnischer Notfall eingestuft zu werden.“

„Du bist nicht der Notfall.“

Rafi lächelte langsam.

„Interessant.“

„Nein.“

„Ich habe noch gar nichts gesagt.“

„Dein Gesicht reicht.“

Nino nahm Rafis Bücher und legte sie auf das freie Regalbrett. So selbstverständlich, dass Rafi für einen Moment nicht wusste, wohin mit dem Gefühl, das diese Geste in ihm auslöste.

Es war Dankbarkeit, aber nicht nur. Eher diese gefährliche, kleine Wärme, wenn ein anderer Mensch den eigenen Kram nicht wie eine Störung behandelt.

„Bett oder Boden?“, fragte Nino.

Rafi blickte zu ihm. „Was?“

„Heute Nacht. Ich kann auf dem Boden schlafen.“

„Auf gar keinen Fall.“

„Es wäre –“

„Nein.“

Nino hob eine Braue. „Du sagst das sehr schnell.“

„Weil es eine schlechte Idee ist.“

„Das Bett ist nicht besonders breit.“

„Ich habe Augen.“

„Und?“

„Und ich bin erwachsen genug, neben einem anderen Menschen zu schlafen, ohne das Haus zusätzlich strukturell zu gefährden.“

Nino sah ihn länger an – nicht verlegen, aber auch nicht ganz unberührt.

„Gut“, sagte er.

„Gut.“

Sie standen in diesem kleinen Zimmer, zwischen Schreibtisch, Bett, Taschen und einem Wasserschaden, der gerade hinter der anderen Tür in die Wand geschnitten wurde. Unten wartete wahrscheinlich Kaffee. Draußen regnete es wieder. Die Limmerstraße rauschte irgendwo jenseits der Häuser, Spätis, Fahrräder, Menschen, die nichts davon wussten: Rafi stand gerade mit seinem Kissen vor Ninos Bett und gab sich betont pragmatisch.

Nino nahm Rafis Skizzenblock vom Tisch und reichte ihn ihm.

„Der ist wichtig, oder?“

Rafi nahm ihn.

Ihre Finger berührten sich diesmal nicht – das fiel Rafi auf, vielleicht gerade deshalb.

„Ja“, sagte er. „Ist er.“

Nino nickte – kein Nachfragen, kein neugieriges Blättern, kein Kommentar, nur Respekt vor einem Gegenstand, der offensichtlich etwas bedeutete.

Rafi fand das fast unfair.

Aus dem Flur rief Malik: „Rafi? Kröger will wissen, ob der Kasten mit den alten Kabeln weg kann!“

Rafi fuhr sich durch die Haare. „Sag ihm, wenn da alte Kabel drin sind, will ich es nicht wissen!“

Nino sah zur Tür. „Soll ich mitkommen?“

Schlicht – und trotzdem stand darin etwas, das nicht nur mit Kabeln zu tun hatte.

„Ja“, sagte Rafi. „Besser ist das.“

Sie gingen hinaus.

Im Flur hingen Staub und geöffneter Putz in der Luft. Über ihnen arbeitete Kröger im Abstellraum, Malik stand unten im Flur, bereit, gleich entweder zu helfen oder eine Liste zu beginnen. Die lose Fliese knackte leise, als Rafi versehentlich doch darauftrat.

Nino sah runter.

Rafi auch.

„Dritter Tag“, sagte Nino.

„Was?“

„Du sagtest, die meisten treten am dritten Tag wieder drauf.“

Rafi blickte zu ihm.

Dann lachte er leise – echt genug.

Der Wasserschaden war noch da, das Haus war alt, teuer, schwierig, Oskar würde kommen, die Wand würde aufgehen, und Rafis Zimmer war vorerst kein Zimmer mehr.

„Du führst Protokoll“, sagte Rafi.

„Ich arbeite im Controlling.“

„Das erklärt alles.“

„Leider nein.“

Sie sahen sich einen Moment an.

Dann rief Malik wieder: „Kabel?“

Rafi drehte den Kopf. „Ja, ja.“

Als er zu Kröger in den Abstellraum ging, merkte er, dass seine Panik leiser geworden war.

Nur leiser – und für diesen Morgen war das genug.


Am Abend, als ein Trocknungsgerät in Rafis Zimmer brummte und das Haus nach nassem Putz roch, unterschätzte Nino, wie viel Raum ein anderer Mensch einnahm, noch bevor er sich bewegte.

Praktisch: überschaubar.

Rafis Tasche stand unter dem Schreibtisch, der Skizzenblock lag auf dem freien Regalbrett, zwei Bücher daneben, der Kulturbeutel im Bad, ein Kissen von Nino auf der Bettkante. Nino hatte innerhalb von zwanzig Minuten eine Ordnung gefunden, die keine war, aber wenigstens nicht nach völliger Kapitulation aussah. Das Zimmer war klein, ja. Aber Ordnung war nicht unmöglich.

Das Problem war nicht der Platz.

Das Problem war Anwesenheit.

Rafi saß auf dem Boden neben dem Bett, mit dem Rücken an der Matratze, und sortierte seine Stifte in eine kleine Blechdose, als wäre das eine Tätigkeit von großer innerer Bedeutung. Neben ihm lag sein Skizzenblock offen und leer. Auf dem Stuhl hing eines seiner T-Shirts zum Trocknen, weil im Chaos des Wasserschadens natürlich irgendetwas „nur ein bisschen feucht“ geworden war, was in Rafis Welt offenbar bedeutete, dass man es retten konnte, wenn man ihm ausreichend Optimismus entgegenbrachte.

Es war kurz vor Mitternacht.

Nino stand am Fenster und schloss es.

„Wenn du es noch langsamer machst“, sagte Rafi vom Boden, „wird das Fenster glauben, es sei Teil eines Rituals.“

Nino drehte sich um. „Es zog.“

„Natürlich.“

„Das war keine Ausrede.“

„Habe ich nie behauptet.“

„Du hast es gedacht.“

Rafi sah von seinen Stiften auf. „Beeindruckend – der Mann lebt seit zwei Tagen in diesem Haus und liest schon Gedanken.“

„Du bist nicht sehr schwer zu lesen.“

Rafi hielt inne – länger, als Nino für einen beiläufigen Satz eingeplant hatte.

Rafi legte den Stift in die Dose und schloss sie mit einem kleinen Klick.

„Das behaupten Leute oft“, sagte er. „Meistens meinen sie: Du redest viel.“

Nino lehnte sich mit dem Rücken gegen die Fensterbank. „Ich meinte nicht, dass du leicht bist.“

„Das war gefährlich präzise für einen Satz“, sagte Rafi schließlich.

Nino wandte den Blick ab. „Es war nur ein Satz.“

„Sätze sind dein Fachgebiet, oder?“

„Nein. Zahlen.“

„Noch schlimmer.“

Rafi brachte die Blechdose zum Schreibtisch und blieb vor den drei Stiften stehen, die er neben Ninos Notizbuch sortiert hatte.

„Ich würde niemals absichtlich deine Stifte nach Farbe sortieren, nur damit du dieses Gesicht machst“, sagte Rafi.

Nino wandte sich zum Schreibtisch.

„Und ich würde das niemals zugeben.“

„Das ist im besten Fall vorsätzlich.“

„Und im schlechtesten?“

Nino antwortete nicht, und das war das Problem.

Dann sah Rafi zum Bett.

Nino hatte den Boden bereits angeboten, Rafi hatte Nein gesagt – damit war das Bett übrig geblieben.

„Ich kann wirklich auf dem Boden schlafen“, sagte Nino.

„Du willst mich provozieren.“

„Nein.“

„Doch. Du hast diese Art von Vernunft, bei der man automatisch gewalttätig werden möchte.“

„Das klingt unverhältnismäßig.“

„Dann hör auf, unverhältnismäßig edel zu sein.“

„Ich bin nicht edel.“

„Gut, dann sei nicht edel im Bett.“

Nino ging zum Schrank und nahm ein frisches T-Shirt heraus, weil seine Hände dringend eine Aufgabe brauchten. „Ich ziehe mich im Bad um.“

„Du kannst dich auch hier umziehen – ich werde nicht zerfallen.“

„Ich weiß.“

Rafi war einen Moment ruhig.

„Dann ist es für dich?“

Die Frage war leise, mehr ein Abtasten als eine Frage, und das T-Shirt knitterte in Ninos Hand.

Natürlich war es für ihn.

Der Gedanke hatte eine zweite, unausgesprochene Kante: mit einem Mann, und zwar nicht als abstrakte Möglichkeit oder tolerante Gewissheit über andere Leben, sondern hier, in seinem Zimmer. Mit Rafi, der ihn ansah, als wäre Ninos Unsicherheit kein Fehler, sondern eine Tür, vor der man nicht drängen musste.

„Vielleicht“, sagte er, ohne Witz und ohne Nachsatz.

Rafi nickte, weder zufrieden noch enttäuscht – er hatte offenbar eine Information bekommen und beschlossen, sie nicht gegen Nino zu verwenden.

„Okay“, sagte Rafi.

Nino hielt das T-Shirt noch immer in der Hand.

„Das war jetzt erstaunlich wenig Kommentar.“

„Ich kann wachsen.“

„Das bezweifle ich nicht.“

„Doch, ein bisschen.“

Rafi nahm das geliehene Kissen und legte es auf die Bettkante.

Nino sah hin.

„Was machst du?“

„Ich bereite eine diplomatische Schlaflösung vor.“

„Das klingt nicht beruhigend.“

„Soll es auch nicht. Es soll verhindern, dass du die ganze Nacht so tust, als wäre Aus-dem-Bett-Fallen eine höfliche Option.“

„Das ist keine Lösung.“

„Noch nicht.“ Rafi richtete das Kissen aus. Nicht ordentlich. Aber mit Absicht. „Aber ich kann mich wegdrehen, wenn du mehr Abstand brauchst.“

Nino schwieg.

Das war wieder so ein Satz, der nichts groß tat und trotzdem alles veränderte.

„Du musst nicht –“

„Ich muss gar nichts.“ Rafi sah ihn an. „Aber ich kann.“

Nino spürte, wie sein Körper auf diese Unterscheidung reagierte: müssen, können, wollen, drei verschiedene Wörter, die viel zu oft in derselben Schublade lagen.

Er ging zum Bett, nahm die zweite Decke und legte sie daneben – zu gerade.

Rafi deutete auf die Kante.

„Wenn du die Decke noch exakter ausrichtest, beantragt sie eine eigene Hausnummer.“

Nino verschob sie absichtlich schief.

Rafi grinste. „Mutig.“

„Therapeutisch begleitet.“

„Von wem?“

„Von einer sehr schlechten Situation.“

„Die hat Erfahrung.“

In Rafis Zimmer sprang das Trocknungsgerät wieder an. Ein tiefes, gleichmäßiges Brummen, als wolle das Haus bestätigen, dass niemand hier aus Romantik im selben Zimmer schlief. Nur wegen Wasser, Wand und sehr schlechter Bausubstanz.

Nino sah zur Tür.

„Es ist nur für ein paar Nächte“, sagte er.

Rafi hob den Blick.

Der Satz war praktisch gemeint, aber er klang feige. Nino hörte es zu spät.

Rafi auch.

„Ja“, sagte Rafi. „Natürlich.“

Das Natürlich war leiser als vorhin. Nino schloss kurz die Augen.

Nicht schon wieder.

„Nein“, sagte er.

Rafi blieb stehen.

„Was nein?“

Nino hob den Blick. „Das war falsch.“

„War es?“

„Ja.“

„Dann sag es anders.“

Nino atmete ein.

Er konnte das, vielleicht nicht gut, aber besser als gestern und besser als vor einer Stunde.

„Es ist wegen des Wasserschadens“, sagte er. „Aber es ist nicht nur wegen des Wasserschadens komisch.“

Rafi schwieg.

Nino hielt den Blick.

„Und ich weiß nicht, was ich mit diesem Unterschied machen soll.“

Rafi trat näher, blieb aber außerhalb jeder Berührung. Nah genug, dass der Witz zwischen ihnen keinen Platz mehr hatte.

„Das ist besser“, sagte er.

„Es klingt unfertig.“

„Ist es ja auch.“

Nino lachte kurz, trocken, erleichtert auf eine Art, die ihm fast peinlich war.

„Ich kann unfertig nicht besonders gut.“

„Das habe ich bemerkt.“

„Sehr charmant.“

„Ich bin obdachlos im eigenen Zimmer. Ich darf heute etwas uncharmant sein.“

„Nur temporär.“

„Bürokratisch unromantisch.“

Rafi nahm die Blechdose mit den Stiften vom Schreibtisch, stellte sie auf das Regalbrett und ließ seine Finger kurz neben Ninos Hand liegen, ohne sie zu berühren.

Eine Möglichkeit, keine Forderung. Nino ließ die Hand dort.

Rafi auch.

„Wenn etwas zu nah ist, sagst du es“, sagte Rafi.

Nino nickte.

„Sag nicht nur mit dem Gesicht.“

„Ich habe ein Gesicht?“

„Ein sehr lautes.“

Nino wollte widersprechen, tat es aber nicht.

„Okay.“

„Gut.“

Das Wort blieb im Raum, ohne sofort gefährlich zu werden.

Gefahrlos war es nicht. Aber tragbar.

Nino ging schließlich ins Bad, um sich umzuziehen – nicht, weil Rafi zerfallen wäre, sondern weil er selbst einen Moment brauchte, in dem niemand sah, wie langsam sein Körper begriff, dass er in dieser Nacht nicht nur ein Bett teilte, sondern die Grenze davor.

Kapitel 6

Die erste Nacht

Im Bad hatte Nino Anna mitgeteilt, dass er angekommen war. Sie hatte geantwortet:

Gut. Pass auf dich auf.

Eine Antwort, die nach allem, was zwischen ihnen gewesen war, gleichzeitig freundlich und unfassbar weit entfernt klang.

Er hatte nicht geantwortet.

Nino zog das frische T-Shirt an. Freundlich und weit entfernt, dachte er, und hasste, wie wenig diese beiden Wörter erklärten.

An der Innenseite der Tür klebte noch immer Rafis Zettel.

Warmwasser: erst links, dann Mut.

„Sehr witzig“, murmelte er.

Dann putzte er sich die Zähne und ging zurück ins Zimmer.

Die Stehlampe in der Ecke war an, das große Licht aus. Das Zimmer wurde dadurch kleiner, aber wärmer. Der Wäscheständer stand am Fenster wie ein sehr unpassender Wächter. Auf dem Schreibtisch lag Rafis Skizzenblock, geschlossen. Daneben Ninos Laptop. Zwei Welten, die innerhalb weniger Stunden eine Oberfläche teilen mussten.

Rafi saß auf der Bettkante und sah auf sein Handy. Er hatte sich umgezogen: dunkle Jogginghose, weiches graues Shirt, barfuß. Das Haar noch leicht feucht vom Waschen im Bad, ein paar wirre Strähnen in der Stirn. Er sah auf, als Nino eintrat.

„Ich habe mich für die linke Seite entschieden“, sagte Rafi.

„Das ist meine Seite.“

Rafi sah zum Bett. „Oh.“

Nino hätte sagen können: War egal.

Stattdessen sagte er nichts.

Rafi hob die Brauen. „Ist das verhandelbar oder berühre ich hier Grundsatzfragen?“

Nino sah auf die linke Bettseite. Sie war nicht wichtig – natürlich nicht.

Rafi verstand es, bevor Nino den Mund öffnete.

Sein Gesicht wurde nicht spöttisch, sondern weich. Nino fand das schlimmer.

„Ich nehme rechts“, sagte Rafi und stand auf. „War nur ein Testanspruch.“

„Das ist nicht nötig.“

„Doch“, sagte Rafi. „Ist es.“

„Warum?“

Rafi zog die Decke auf der rechten Seite zurück. „Weil ich hier reinplatze mit Wasserschaden, feuchten T-Shirts und emotionaler Umzugsenergie. Du darfst deine Bettseite behalten.“

Nino schaltete die Stehlampe aus.

Dann legte er sich auf seine Seite.

Der vertraute Rand des Bettes unter seiner Hand, die Wand hinter ihm, das Fenster über der Schulter – alles war wie vorher.

Die Matratze bewegte sich, als Rafi sich hinlegte.

Nino lag auf dem Rücken und starrte nach oben.

Neben ihm raschelte Stoff. Dann hörte er Rafi ausatmen, müde und trotzdem nicht entspannt.

„Du liegst sehr laut angespannt“, murmelte Rafi.

Nino blieb auf dem Rücken liegen. „Das ist kein Geräusch.“

„Doch. Bei dir schon.“

„Du kannst das nicht wissen.“

„Ich bin Künstler, ich darf unbewiesene Wahrheiten behaupten.“

Nino drehte den Kopf leicht zur Seite.

Im Halbdunkel konnte er Rafis Gesicht nur als Linie erkennen. Stirn, Nase, Mund, ein Schatten unter den Wangenknochen. Viel weniger deutlich, als ihm lieb war – oder zu deutlich, weil der Rest vom Körper daraus automatisch zu viel ergänzte.

„Ich bin nicht angespannt“, sagte Nino.

Rafi schwieg.

Dann sagte er: „Okay.“

„Du bist auch nicht besonders entspannt.“

„Nein“, gab Rafi sofort zu. „Aber ich bin charmanter dabei.“

„Das ist fraglich.“

„Nicht aus deiner Position.“

Nino drehte den Kopf wieder zur Decke. „Deine Position ist auf der falschen Seite.“

„Touché.“

Nino wusste, wo Rafi lag. Ohne hinzusehen. Er spürte es an der Matratze, an der Luft unter der Decke, an jeder kleinen Bewegung. Wenn Rafi den Fuß veränderte, zog sich der Stoff minimal an Ninos Bein. Wenn er atmete, war da ein anderer Rhythmus neben seinem eigenen.

„Nino?“

„Hm?“

„Wenn du heute Nacht nicht schlafen kannst, weil ich da bin, musst du nicht höflich so tun.“

Nino drehte den Kopf wieder zu ihm. „Was soll ich stattdessen tun?“

Rafi lag auf der Seite, ihm zugewandt, näher zur Mitte gerückt. Gerade genug, dass Nino sein Gesicht besser sehen konnte.

„Keine Ahnung“, sagte Rafi. „Dich beschweren, eine Tabelle anlegen, Malik wecken, mich auf dem Boden platzieren.“

„Ich dachte, der Boden ist ausgeschlossen.“

„Für dich – ich habe niedrigere Standards für mich selbst.“

„Das bezweifle ich.“

Rafi wurde einen Moment still.

Dann lachte er leise.

„Das war beinahe nett.“

„Fast?“

„Du klingst bei Nettigkeit, als würdest du heimlich eine Steuerprüfung durchführen.“

Etwas in Nino löste sich. Genug, um ihn ruhiger werden zu lassen.

„Ich kann nichts dafür, dass du meine freundlichen Sätze nicht korrekt einordnest.“

„Ich arbeite daran.“

„Du hast heute sehr schnell geholfen“, sagte Rafi plötzlich.

„Es war Wasser.“

„Ja, aber nicht dein Wasser.“

„Wasser in einem Haus ist selten ausschließlich privat.“

Rafi lachte leise. „Das ist ein sehr Nino-Satz.“

Nino sah weiter an die Decke. „Ich mag keine ineffizienten Krisen.“

„Im Gegensatz zu effizienten Krisen.“

„Die sind besser.“

„Sind sie das?“

„Ja. Wenn etwas passiert, sollte man wenigstens die Reihenfolge kennen.“

Rafi drehte den Kopf zu ihm. „Und wenn man sie nicht kennt?“

„Dann sucht man die nächste sinnvolle Handlung“, sagte Nino.

„Und wenn es keine gibt?“

„Dann sucht man weiter.“

Rafi schwieg.

Nino spürte seinen Blick auf der Seite seines Gesichts.

„Das klingt anstrengend“, sagte Rafi schließlich.

„Es ist verlässlich.“

„Das ist nicht dasselbe.“

Nein. Nino wusste das.

Neben ihm bewegte Rafi sich wieder. „Sorry.“

„Wofür?“

„Ich glaube, ich bin gerade aus Versehen in etwas Reales getreten.“

„Das machst du öfter?“, fragte Nino.

„In Reales treten?“

„Aus Versehen.“

Rafi lächelte schwach. „Berufskrankheit.“

„Ich dachte, du zeichnest.“

„Eben.“

Irgendwann musste Rafi eingeschlafen sein. Nino war wach.

Neben ihm bewegte Rafi sich im Schlaf.

Er drehte sich im Schlaf näher, diesem unbewussten Weg folgend, den Körper nahmen, wenn sie Wärme suchten oder mehr Platz vermuteten.

Ein Knie streifte Ninos Oberschenkel.

Nino atmete ein.

Rafi murmelte etwas Unverständliches.

Dann legte sich sein Arm leicht und ohne Druck über Ninos Hüfte und blieb einfach da.

Ninos ganzer Körper wurde wach.

Er hätte den Arm wegnehmen können.

Vorsichtig, und Rafi würde vermutlich nicht einmal wach werden: eine einfache Bewegung, vernünftig und sauber, Platz schaffen, Grenze wiederherstellen.

Nino bewegte sich nicht.

Er lag da, starrte ins Dunkel und hörte seinen eigenen Puls.

Langsam hob er die Hand.

Nicht, um Rafi festzuhalten – nur um den Arm wegzuschieben.

Seine Finger berührten Rafis Handgelenk.

Warm.

Der Impuls, ihn wegzuschieben, blieb – aber etwas anderes war schneller: Er wollte nicht gleich weg, er wollte noch einen Moment.

Also ließ er die Hand dort liegen.

Nach einer Weile bewegte Rafi sich wieder, zog den Arm von selbst zurück und drehte sich auf den Rücken. Er schlief weiter, ahnungslos.

Nino lag noch lange wach.

Nur mit der Hand dort, wo Rafis Arm eben gelegen hatte.

Am Morgen wachte Nino vor Rafi auf.

Das Zimmer war grau. Frühes Licht am Fenster, das Trocknungsgerät in Rafis Zimmer immer noch aktiv, irgendwo unten Wasser in einer Leitung. Rafi lag auf der rechten Seite, zusammengerollt, eine Hand unter dem Kissen, die Haare durcheinander. Im Schlaf sah er jünger aus. Nicht unschuldiger, nur weniger in Bewegung.

Rafi öffnete ein Auge.

„Du starrst“, murmelte er.

Nino sah sofort zur Decke. „Nein.“

„Doch.“

„Du warst kaum wach.“

„Ich habe Talente.“

Rafi blinzelte, zog die Decke etwas höher und sah ihn jetzt mit beiden Augen an, verschlafen, warm, viel zu nah.

„Habe ich geschnarcht?“, fragte er.

„Nein.“

„Gelogen aus Höflichkeit?“

„Auch nein.“

„Gut.“ Rafi zog die Decke etwas höher. „Ich bin ein sehr kultivierter Gast.“

Nino ließ die Stille stehen.

Rafi öffnete ein Auge erneut. „Was?“

„Du hast dich im Schlaf bewegt.“

Rafi sah ihn nur an.

Sein Ausdruck veränderte sich und wurde aufmerksam. Nino bereute fast, überhaupt etwas gesagt zu haben.

„War es schlimm?“, fragte Rafi.

Nino dachte nach. Die vernünftige Antwort wäre gewesen: Nein. Die einfachere: Schon okay. Die sichere: Ich weiß nicht, wovon du sprichst.

Stattdessen sagte er: „Nicht schlimm.“

Rafi blieb still.

„Nur … ungewohnt“, fügte Nino hinzu.

Rafi nickte langsam.

„Ich versuche, heute Nacht weniger expansiv zu existieren“, sagte Rafi nach einem Moment.

Nino gab ein leises Geräusch von sich. Es kam einem Lachen gefährlich nahe. „Das klingt beunruhigend erwachsen.“

„Erschreckend – dann nehme ich es vielleicht zurück.“

Rafi setzte sich schließlich auf, fuhr sich durch die Haare, verzog das Gesicht. „Ich brauche Kaffee.“

„Unten?“

„Oder intravenös, aber unten ist realistischer.“

Nino setzte sich ebenfalls auf. Die Matratze bewegte sich unter ihnen. Für einen Moment saßen sie nebeneinander auf der Bettkante, Schultern beinahe auf einer Linie, beide mit Schlaf in den Knochen.

Rafi sah zur Tür. „Danke.“

Nino wusste sofort, dass er nicht den Kaffee meinte.

„Gern“, sagte er.

Und er meinte es tatsächlich so.

Draußen im Flur knackte die lose Fliese. Niemand stand darauf – das Haus machte es offenbar von allein.

Der Morgen machte nichts einfacher – er machte nur alles sichtbarer.

Rafi verschwand zuerst ins Bad, weil er behauptete, sein Haar brauche „eine Krisensitzung mit Wasser“. Nino blieb im Zimmer, saß auf der Bettkante und sah auf die Stelle, an der Rafis Arm in der Nacht gelegen hatte.

Es war eine lächerliche Stelle, nur Stoff und Matratze und nichts Messbares.

Trotzdem wusste sein Körper noch genau, wo die Wärme gewesen war.

Das störte ihn.

Nicht, weil Nähe grundsätzlich störend war, denn Nähe hatte es in seinem Leben gegeben, mit Anna. Mit Selbstverständlichkeit, mit Routinen, mit einer Geschichte, die irgendwann länger gewesen war als das, was darin noch wirklich passierte.

Aber das hier war anders.

Nicht, weil Rafi ein Mann war – nicht nur.

Weil Nino nicht wusste, welche seiner alten inneren Handgriffe hier überhaupt passten: was beiläufig war, was zu viel, was zu wenig, und was man sagte, wenn der Körper vor dem Kopf etwas begriff und der Kopf beleidigt hinterherlief.

Rafi kam zurück, die Haare feucht, das Handtuch um den Nacken, viel zu wach für jemanden, der offiziell schlecht geschlafen hatte.

Er blieb in der Tür stehen.

„Du machst das Gesicht.“

„Welches Gesicht?“

„Das Gesicht, mit dem Menschen versuchen, eine Nacht nachträglich zu protokollieren.“

Nino sah auf.

„Ich protokolliere keine Nächte.“

„Gut, dann kann ich es ja sagen.“

Nino ahnte, dass er diese Erlaubnis nicht erteilt hatte.

Rafi trat ins Zimmer. Nicht nah – genau weit genug weg.

„Ich weiß, dass das für dich nicht einfach nur enges Bett und Wasserschaden ist.“

Nino schwieg.

Rafi sah ihn nicht weich an und nicht fordernd, nur wach.

„Und falls du gerade versuchst herauszufinden, ob du falsch reagiert hast: Hast du nicht.“

„Das kannst du nicht wissen.“

„Doch.“ Rafi deutete auf sich. „Ich lag dabei.“

Nino schloss kurz die Augen.

„Das ist kein valider Prüfstandard.“

„Es ist mein Körper – doch.“

Der Satz machte etwas mit der Luft im Zimmer.

Rafi merkte es und blieb sofort stehen.

„Zu direkt?“

Nino atmete langsam aus.

„Neu.“

Rafis Gesicht wurde stiller.

„Okay.“

„Das ist keine Bitte, aufzuhören.“

„Habe ich auch nicht so gehört.“

„Gut.“

Rafi lächelte kaum. „Dann bleibe ich hier.“

Nino stand auf, weil Sitzen keine Haltung mehr war. Er ging zum Fenster, öffnete es einen Spalt und ließ kalte Luft herein.

Draußen im Hof war die Lichterkette aus, der Tisch nass. Zwei Kräuterdosen auf der Fensterbank gegenüber hatten den Regen offensichtlich persönlich genommen.

„Mit Anna“, sagte Nino.

Rafi bewegte sich nicht.

„Es war nicht so.“

„Nein“, sagte Rafi.

Nino drehte sich um.

„Du weißt nicht, was ich meine.“

„Doch.“ Rafis Stimme war ruhig. „Vielleicht nicht alles, aber genug.“

Nino hasste, wie wenig er ihm widersprechen konnte.

„Ich habe noch nie …“ Er brach ab.

Rafi drängte nicht. Das war das Anständige, leider auch das Schwere.

„Mit einem Mann“, sagte Nino schließlich. „Nicht so.“

Rafi ließ das gelten. In seinem Gesicht lag vor allem Sorgfalt.

„Danke, dass du es sagst.“

„Keine wichtige Information.“

„Doch.“

Nino brauchte einen Moment, um ihn anzusehen.

Rafi trat einen Schritt näher. Einen. Nicht mehr.

„Nicht, weil es ein Problem ist. Sondern weil ich dann weiß, wo ich nicht raten sollte.“

Nino konnte damit mehr anfangen als mit Trost.

„Du musst nicht vorsichtig sein.“

„Bin ich nicht.“

Rafi blieb stehen.

Nino schloss den letzten Schritt selbst.

Von unten rief Theo: „Falls ihr oben existenzielle Gespräche führt, tut das bitte leiser! Manche Menschen leiden unter Handwerkerkaffee!“

Rafi schloss die Augen.

„Dieses Haus.“

Nino spürte, wie ihm ein Lachen aus dem Brustkorb rutschte.

Trocken, kurz, rettend.

Rafi sah ihn an und lächelte jetzt richtig.

„Kaffee?“, fragte er.

„Unten?“

„Außer du willst intravenös.“

„Das hast du vorhin schon gesagt.“

„Ich recycle bei Krisen.“

Unten im Café tat Malik so, als sei es völlig normal, dass Nino und Rafi gemeinsam die Treppe herunterkamen.

Theo tat nicht so.

„Na“, sagte er, stellte zwei Tassen hin und sah zwischen ihnen hin und her. „Wie war die Matratzenkonferenz?“

„Theo“, sagte Malik.

„Ich frage als Nachbarschaftsbeauftragter.“

Hannelore saß am Fenster, Zeitung vor sich, Hut auf dem Kopf. Sie sah nicht auf.

Ausgerechnet das war schlimmer.

„Herr Becker“, sagte sie.

„Hannelore.“

„Sie sehen aus, als hätte das Haus gewonnen.“

Nino setzte sich.

„Ich wusste nicht, dass es ein Spiel ist.“

Jetzt senkte Hannelore die Zeitung.

„Das wissen die Häuser nie.“

Rafi nahm neben ihm Platz, nicht gegenüber. Neu, oder nur logistisch. Nino wusste es nicht. Er wusste nur, dass Rafis Knie unter dem Tisch nicht an seinem lag und dass er es trotzdem bemerkte.

Malik stellte Kaffee hin.

„Kröger kommt gegen elf. Oskar hat um Rückruf gebeten. Ich habe ihm geschrieben, dass zuerst die Wand und dann seine Gefühle dran sind.“

„Du hast nicht Gefühle geschrieben“, sagte Rafi.

„Natürlich nicht, ich bin erwachsen.“

„Schade.“

Nino trank Kaffee.

Das Café redete um ihn herum, aber weniger wie Lärm und mehr wie Wetter, das man nicht beantworten musste, sondern nur zur Kenntnis nehmen.

Später, zurück im Zimmer, saß Rafi auf Ninos Stuhl und zeichnete, angeblich nicht Nino.

„Das ist ein sehr allgemeines Profil“, sagte Rafi, bevor Nino fragen konnte.

„Mit meiner Brille.“

„Viele Menschen haben Brillen.“

„Und meiner Nase.“

„Du hast offenbar ein starkes Verhältnis zu deiner Nase.“

Nino blieb neben dem Schreibtisch stehen.

„Darf ich sehen?“

Rafi sah auf den Block. Dann zu ihm.

„Ja.“

Nino beugte sich über die Zeichnung. Er erkannte sich nicht gleich, und genau das beunruhigte ihn.

Nicht, weil die Linie falsch war. Weil sie etwas zeigte, das er selbst nicht von außen sehen konnte: den leicht gesenkten Kopf, die Schultern, die nicht wussten, ob sie halten oder abwehren sollten, den Mund in einer Pause vor einem Satz.

„So sehe ich nicht aus“, sagte Nino.

Rafi antwortete nicht gleich.

„Doch“, sagte er dann. „Wenn du glaubst, dass niemand dich ansieht.“

Nino sah weiter auf das Papier.

„Du zeichnest Menschen nicht freundlich“, sagte er.

„Nein.“ Rafi legte den Bleistift neben den Block. „Aber ich versuche, sie nicht zu belügen.“

Nino richtete sich auf.

„Und wenn sie nicht erkannt werden wollen?“

Rafi klappte den Block halb zu.

„Dann sage ich vorher Bescheid – oder ich klappe zu.“

Das war der Unterschied.

Rafi nahm nicht einfach.

Er bot an, er fragte, er machte Türen sichtbar, bevor jemand hindurchging.

Nino wusste noch nicht, ob das leichter war.

Aber es war fair.

In der zweiten Nacht lag Rafi wieder neben ihm – nicht aus Versehen, nicht ganz jedenfalls, was es nicht weniger seltsam machte.

Zwischen ihnen blieben vielleicht zehn Zentimeter.

Mehr passierte nicht.

Rafi lag auf der Seite, die Hand offen auf der Decke, als hätte er sie absichtlich dorthin gelegt, wo Nino sie sehen konnte.

Die offene Hand bot eine Möglichkeit, keine Forderung.

Nino sah sie zu lange an.

„Du musst nicht“, sagte Rafi leise.

„Ich weiß.“

„Das war keine Prüfung.“

„Das habe ich verstanden.“

Nino hob die Hand nicht sofort, er ließ sich Zeit.

Dann legte er seine Finger leicht und zögernd auf Rafis Handrücken. Trotzdem blieben sie dort.

Rafi bewegte sich nicht. Sein Blick fragte.

Nino ließ die Finger dort.

„Ungewohnt.“

„Das kenne ich.“

„Du?“

Rafi lächelte im Dunkeln. „Ich tue nur überzeugender so, als hätte ich alles im Griff.“

Nino ließ seine Finger liegen.

Nach einer Weile schob Rafi seine Hand nicht unter Ninos Hand.

Er drehte sie nur langsam, offen, sodass Nino entscheiden musste, ob er bleiben wollte.

Nino blieb.

Dann schlief er nicht sofort ein.

Aber zum ersten Mal in diesem Zimmer dachte er nicht daran, wie er Abstand herstellen könnte.

Er dachte daran, wie viel Abstand noch da war.

Und dass er nicht wusste, ob er ihn behalten wollte.